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JAIMEE HARRIS
 
Unsere Emmylou
Jaimee Harris
"I'll Be Your Emmylou" sangen Klara und Johanna Söderberg von First Aid Kit auf dem Song "Emmylou" ihres zweiten Albums "The Lion's Roar". Gemeint war damit natürlich die Songwriterin Emmylou Harris, der First Aid Kit diesen Song später auch bei einer Live-Präsentation widmeten. Was hat das aber mit der Songwriterin Jaimee Harris zu tun, die gerade ihr zweites Album "Boomerang Town" vorlegt und ansonsten mit ihrer Partnerin Mary Gauthier an verschiedenen musikalischen Projekten zusammenarbeitet? Nun - es hat damit zu tun, dass die Musik von Singer/Songwritern ja nicht im luftleeren Raum entsteht, sondern sich im großen, bunten Universum von musikalischen Traditionen, legendären Vorreitern und handwerklichen Konzepten in einem andauernden Kreislauf ja immer wieder belebt, befruchtet und inspiriert. Will meinen: Auch Jaimee Harris kann unsere Emmylou sein - denn schließlich ist die Legende nicht nur ein großes Vorbild für Jaimee Harris, sondern auch die Person, derentwegen Jaimee überhaupt Musik macht.
Nach ihren musikalischen Inspirationsquellen gefragt, gibt es da nämlich kein Zögern: "Emmylou Harris", antwortet sie wie aus der Pistole geschossen, "sie ist der Grund, warum ich überhaupt anfangen wollte zu singen. Als ich fünf Jahre alt war, spielten meine Eltern die Weihnachtsplatte 'Light At The Stable' und ich habe mir den Titeltrack immer wieder angehört und dann auch meine erste Gitarre bekommen. Und als ich dann herausfand, dass Emmylou Songs von Patty Griffin oder Nanci Griffiths sang, habe ich mich näher mit den Songwriterinnen beschäftigt. Natürlich hat Emmylou hat einige der besten Songs der Welt von einigen der besten Songwriter der Welt eingespielt. Ihre Scheiben waren ein Türöffner für mich - während Patty Griffin mich dazu inspiriert hat, selber schreiben zu wollen. Fleetwood Mac haben mich inspiriert, auftreten zu wollen. Ich erinnere mich daran, wie ich das Video von der Reunion-Tour zu 'The Dance' gesehen habe. Das habe ich immer wieder angeschaut. Egal ob Lindsey Buckingham oder Stevie Nicks gesungen haben: Das war das, was ich auch machen wollte. Das ist die Basis. Und dann erwähnte ich ja schon James McMurty, der einen riesigen Eindruck auf mich machte. Und als Emmylou Harris die Scheibe 'Wrecking Ball' machte, war das die Messlatte für mich, was das Sounddesign betrifft." Was hatte es denn mit der "roten Rettung" bei dem ersten Album auf sich? "Das basiert auf einer Geschichte, die mir eine guter Freund erzählt hat", berichtet Jaimee, "wir fuhren durch die Stadt San Antonio und mir fiel auf, dass er sich sehr gut auskannte, obwohl er dort gar nicht lebte. Ich fragte ihn, woran das läge und er erzählte mir, dass er sich mit 17 in ein Mädchen verliebt hatte und er das Haus ihrer Eltern besuchte, wie man das macht, wenn man jemanden dated. Er betrat das Haus und stellte fest, dass dort alles rot war. Der Boden, die Wände, der Tisch, die Tischdecke - alles war rot. Er beschloss dann, dass er seine Freundin heiraten und vor den roten Sachen retten wollte. Ich bin des Weiteren zu einer Veranstaltung in Austin eingeladen wurden. Was dort passiert, ist, dass ein Stichwort ausgegeben wird und dann eine gleiche Anzahl von Dichtern und Songwritern zu der Veranstaltung eingeladen wird, die gebeten werden, innerhalb einer Woche einen Beitrag basierend auf diesem Stichwort anzufertigen, das dann bei der Veranstaltung aufgeführt wird. Das Stichwort für diese Woche war: 'Nicht so schlecht, wie es aussieht'. Da erinnerte ich mich an die Geschichte mit der roten Rettung, die ich geeignet für dieses Stichwort hielt - und so entstand der Song 'Red Rescue', der auf diese Weise ein Eigenleben entwickelte."

Mit dieser Geschichte erklärt Jaimee dann auch gleich ihren Ansatz als Songwriterin - und zeigt auch, dass der Titel des jetzt vorliegenden zweiten Albums "Boomerang Town" sich nicht als autobiographisches Thema versteht. Die Annahme, dass Songwriter autobiographische Songs erzählen, liegt aber sicherlich auch darin begründet, dass sehr viele genau das tun - und zuweilen sogar darauf bestehen, dass es gar nicht anders möglich sei. "Ja, aber wenn du viele Romane liest, wird dir ja aufgefallen sein, dass Autoren oft dazu tendieren, viel von jungen Leuten, die viel Zeit mit Büchern verbringen und sich oft in Bibliotheken aufhalten zu erzählen. Das ist dann bei Songwritern ganz ähnlich: Auch wenn es um einen anderen Erzähler geht, können wir doch nicht umhin, ein klein wenig von uns selbst und unseren eigenen Ansichten in die Erzählung einfließen zu lassen." Jaimee Harris ist nicht nur privat mit Mary Gauthier zusammen, sondern arbeitet auch als Songwriterin und Musikerin mit ihr zusammen - die ja mit einer ganz ähnlichen Einstellung an die Sache herangeht. "Ja, die Songs die ich mit Mary für ihr letztes Album ihrem 'Dark Enough To See The Stars' geschrieben habe, waren 'How Could You Be Gone' - den wir dann auch für 'Boomerang Town' aufgenommen haben und an dem Song 'Amsterdam' habe ich auch mitgeschrieben. Ein weiterer Song, an dem wir zusammengearbeitet haben - der aber nicht auf Marys, sondern auf meiner Scheibe ist, ist 'Fall (Devin's Song)'. Der von einem Jungen handelt, mit dem ich zur Schule gegangen bin und der in der sechsten Klasse versehentlich von seinem besten Freund erschossen wurde. Ich habe mir diesen Fall noch während der Lockdown-Phase der Pandemie angeschaut. Was ich heraus fand, war, dass seine Mutter einige Nachrufe bei der Waco Tribune Zeitung veröffentlicht hatte. Manche waren über ihn, manche aber auch an ihn gerichtet. Der Song ist dann aus der Sichtweise seiner Mutter geschrieben. Mary hat mir dabei geholfen, diese Perspektive einzurichten."
Was hat es denn mit dem Bumerang-Thema auf sich? "Das ist ein Leitmotiv", führt Jaimee aus, "die Erfahrungen, die ich in meinem Heimatort machte, sind sicherlich ähnlich wie die vieler anderer Leute, die in einer ländlichen Gegend leben. In einer ländlichen Gegend gibt es typischerweise enge Familienbande. Das bedeutet, dass oft viele der Menschen, die versuchen, solche Orte zu verlassen, kurz darauf wieder an eben diesen Ort zurückkehren. Ich war in der Lage, meinen Heimatort tatsächlich zu verlassen - einfach weil ich die Welt sehen und Musik machen wollte. Was ich aber einsehen musste, war der Umstand, dass ich zwar physisch den Ort verlassen konnte - nicht aber den mentalen Krankheiten und den Alkohol-Problemen entkommen konnte, die sich in meiner Familie etabliert hatten. So gesehen, wurde ich dann spirituell zu meinem Heimatort zurück gebracht. Es gibt mehrere solcher Kreisläufe, auf die ich mich auf der Scheibe beziehe: Den Kreislauf der Trauer, den Kreislauf der Abhängigkeiten - und sogar positive Kreisläufe, wie zum Beispiel in einer Gedankenschleife festzustecken, in der man über einen geliebten Menschen nachdenkt." Ist das Bumerang-Thema denn etwas, was Jaimee selbst immer noch belastet - oder ist sie darüber hinweg? "Also, ich habe einen sehr engen Familienkreis", überlegt sie, "mein Vater hat mich an die Musik herangeführt und ich erfahre immer noch Unterstützung aus dem Familienkreis, speziell heutzutage - seitdem ich seit zehn Jahren nüchtern bin. Das hat mir geholfen, einige Spaltungen innerhalb der Familie zu überwinden, für die ich selbst ein Mal verantwortlich war. Ich brauchte allerdings zunächst mal eine gewisse Distanz, um meinen Anteil an dieser Situation überhaupt erkennen zu können. Ich hinterfrage das allerdings trotzdem immer noch - nicht nur mit Bezug auf meine Familie. Ich hinterfrage, welche Möglichkeiten heutzutage in diesem Land - in Amerika - noch realistisch sind oder waren. Es ist für jemanden, der nicht selbst in solch einer Situation gesteckt hat, auch schwer zu verstehen, warum jemand einer solchen Hometown-Situation nicht einfach entfliehen sollte, um dort hinzugehen, wo die Jobs und Möglichkeiten sind. Es ist für jemanden, der in einer solchen ländlichen Gegend wohnt, aber eher wahrscheinlich, dass er die weiterführende Schule abbricht, als sie zu beenden. Und wenn deine ganze Familie seit Generationen an einem solchen Ort lebt - warum solltest du denn weggehen? Viele Leute mögen es ja, wo sie leben. Und wenn alle in die Städte zögen, wäre das ja auch nicht optimal. Was uns wieder zu dem Punkt bringt, dass ich einfach mehr Fragen als Antworten habe. Was eigentlich ja eine gute Sache ist. Ich würde das auch deswegen nicht als Vorbehalte oder ähnliches sehen, weil es ein Zeichen von Neugier ist."

Was ist Jaimee bei ihren eigenen Texten denn am wichtigsten? "Das Wichtigste für mich ist es gewiss, der Wahrheit so nahe zu kommen, wie ich nur kommen kann", führt sie aus, "das ist für jeden einzelnen Song und die Geschichte, die erzählt werden will, essentiell wichtig. Wie ich das erreiche, ist, indem ich mich mit meinem Bauchgefühl verständige. Wenn dieses mir zuflüstert, dass das, was ich mache, Bullshit mache, dann muss ich die Sache abbrechen. Das ist mir das Wichtigste." Was löst bei Jaimee denn das Verlangen aus, einen Song schreiben zu wollen? "Ich wünschte, ich wüsste das", meint sie schmunzelnd, "denn dann würde ich mehr in diese Richtung gehen - wenn ich denn wüsste, welche das wäre. Es ist jedes Mal anders." Den Stil mal außer acht lassend: Was kann Jaimee Harris musikalisch so richtig begeistern? "Musikalisch?", fragt sie, "ich bin ein Harmonie-Freak. Ich liebe Gesangsharmonien. Ich habe aber von dem Produzenten des 'Red Rescue'-Albums etwas gelernt, was Sinn für mich gemacht hat: Als ich ihn fragte, warum wir nicht mehr Harmonien verwenden könnten, sagte er mir, dass ich mal über die Scheiben nachdenken sollte, zu denen ich gerne mitsingen würde. Könnte es nicht sein, dass dort Gesangsharmonien bewusst weggelassen wurden, damit die Leute im Auto mitsingen können und so Teil des Songs wurden? Das hat mich dann auch überzeugt. Ach ja: Was ich musikalisch auch noch sehr gerne mag, ist ein einfaches, aber großartiges Gitarrensolo - beispielsweise wie Mike Campbell sie spielt. Und ich mag gute Drum-Sounds. Wir haben uns gestern noch mal die Bruce Cockburn Scheibe 'Dancing In The Dragon's Jaw' angehört und die Drums sind dort fast lauter als seine Stimme, aber sie klingen großartig. Nichts macht mich trauriger als ein schlechter Drum-Sound."
Jaimee Harris
Was ist denn die größte Herausforderung für sie Musikerin Jaimee Harris? "Der administrative Kram", überlegt Jaimee, "kannst du dir vorstellen, dass Mick Jagger seinen Social Media-Account managen oder seine eigenen T-Shirts verschicken müsste? Hätte dann der ausufernde Rock'n'Roll-Lifestyle noch stattgefunden, für den er berühmt ist? Dieser ganze administrative Kram kann also ganz schön hinderlich sein. Aber ich schätze mich dennoch glücklich, denn ich denke, für die Art von Musik, die ich heute mache, gibt es heutzutage vielleicht sogar mehr Möglichkeiten als früher. Ich habe zwar nicht den Support einer großen Maschinerie, die Millionen von Dollars darauf verwenden kann, einen Star aufzubauen - aber das ist okay, weil das Leben, das ich führe, für mich genau das richtige ist." Und was ist auf der kreativen Ebene eine Herausforderung - speziell in Bezug darauf, dass sich Jaimee in einem konventionellen Setting bewegt? "Das betrachte ich jedenfalls nicht als Herausforderung. Wenn du dir Shakespeare anschaust, dann wirst du feststellen, dass wir uns immer noch mit dem beschäftigen, was er geschrieben hat, ohne das irgendwie erneuern zu müssen. Ich habe kein Problem damit, ein Gebiet zu bearbeiten, das schon mal bearbeitet wurde. Für mich persönlich besteht die Herausforderung darin, überhaupt Zeit zu finden, kreativ zu sein. Ich denke, ich lasse mich leicht von der digitalen Welt ablenken und verbringe dann Stunden damit, meine eMails zu checken anstatt an neuen Songs zu arbeiten." Und was ist in Zukunft von Jaimee zu erwarten? "Ich nehme die Sachen definitiv wie sie kommen", meint Jaimee, "die Karrieren von Patty Griffin und Emmylou Harris sind ein guter Leitfaden für mich und so lange ich auf Tour gehen und Songs schreiben kann und diese dann auch wertgeschätzt werden und vielleicht sogar von anderen Songwritern gespielt werden, bin ich glücklich. Und ich liebe es wirklich mit anderen zusammenzuarbeiten. Mary Gauthier und ich spielen ja oft zusammen. Und in letzter Zeit habe ich mehr Fokus auf mein Gitarrenspiel gelegt - was auch neu und furchterregend für mich ist. Und es gibt ja noch so viel Musik, die ich mag und so viele Sachen, die ich ausprobieren möchte. So singe ich ab und zu in einer Rock'n'Roll-Band namens Rest Stop, wo ich herumheulen kann wie bei 'Great Gig In The Sky' von Pink Floyd und das macht auch Spaß. Ich denke, ich werde anteilig eigene Sachen und Kollaborationen machen - wie Emmylou das auch sehr erfolgreich hinbekommen hat."
Weitere Infos:
www.jaimeeharris.com
www.youtube.com/@JaimeeHarris/videos
www.facebook.com/jaimeeharrisofficial
www.instagram.com/jaimeeharris
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -BarbaraFG-
Jaimee Harris
Aktueller Tonträger:
Boomerang Town
(Folk N' Roll/Membran)
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