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ANNA TERNHEIM
 
Melancholische Balance
Anna Ternheim
"A Space For Lost Time" heißt das neue Album der Schwedin Anna Ternheim, das nach "All The Way To Rio", bei dem Anna - inspiriert von Bildern des Malers Jacob Felländer - älteres Material aktualisierte und neu überarbeitete, wieder ein ganz normales Ternheim-Opus mit neuen Songs geworden ist. Der Titel des Albums ist in seiner eigentlich nichtssagenden Schlüssigkeit dabei typisch Anna - denn natürlich gibt es ja eigentlich gar keinen Raum für verlorene Zeiten. Bei Anna natürlich doch - und bei ihr erscheint er sogar notwendig. Das Covermotiv zeigt Anna dabei, wie sie sich in einem stillen See spiegelt. Das bedeutet aber vermutlich nicht, dass sie nun auch noch über Wasser laufen kann wie Jesus, oder? "Nein - das Bild selbst soll die Phantasie anregen", meint Anna, "ich wollte ein Covermotiv, das keinen spezifischen Ort und keine bestimmte Zeit repräsentieren sollte - damit es im Einklang mit dem Titel des Albums wäre. Ich bin mit einem befreundeten Fotografen zu diesem schönen See in Upstate New York gefahren und haben herumexperimentiert. Der Art-Director hat dann fast brutal alle Bäume und Details entfernt bis nur noch ich und mein Spiegelbild übrig geblieben sind - und ich denke auch das alles sehr gut zusammenpasst."
Vielleicht passt das auch gut zu einer Aussage Annas, die meinte, dass ihre Musik am Ende sowieso immer wie ein trauriger schwedischer See klänge - egal wie sehr sie sich bemühe, ihrer Musik eine andere Richtung zu geben. "Das ist richtig, dass ich das gesagt habe", räumt Anna ein, "ich habe nach einem Bild gesucht, weil es so schwer ist, Musik zu beschreiben. Was das Bild mit dem See betrifft: Ich denke, solche neuen Orte zu besuchen und dabei dann auch mit neuen Leuten zusammenzuarbeiten, trägt dazu bei, die Musik wachsen zu lassen. Es geht dabei darum, eine leicht andere Art zu finden, Dinge zu tun, die man schon seit langer Zeit macht." Das war dann wohl auch der Grund dafür, dass Anna dieses Mal die neuen Songs mit amerikanischen Musikern in L.A. aufnahm, richtig? "Ja, genau", bestätigt Anna, "ich habe mir davon versprochen, dass dieser Umstand dann einen größeren Einfluss auf die Musik haben könnte, als es dann tatsächlich der Fall war. Ich bin zwar glücklich mit den Aufnahmen - aber nachdem wir fertig waren, dachte ich mir, dass man nicht erkennen könnte, wo die Aufnahmen entstanden sind. Die Sachen fühlen sich tatsächlich wieder skandinavisch an. Ich denke, du kannst der Melodie, mit der du geboren wurdest, nicht wirklich entfliehen." Nun ja: Ein spezifisches Westcoast-Feeling besitzen die Aufnahmen tatsächlich nicht. Nicht ein mal Annas ursprünglicher Plan, nach der Solo-Tour zum letzten Album wieder mal ein akustisch orientiertes Album aufzunehmen ist unter dem Strich erreicht worden. "Ja, in der Tat - meine ursprüngliche Idee war es, ein sparsames Album nur mit Gitarre und Klavier zu machen", erinnert sich Anna, "das war jedenfalls der Hintergedanke, als ich alleine und mit Björn Yttling, mit dem zusammen ich einige der Songs geschrieben habe, an die Arbeit ging. Nun ist das aber so, dass Lieder selbst in eine bestimmte Richtung gehen wollen. Man muss sie also dorthin bringen, wo sie hin wollen. Ich stellte dann nämlich fest, dass ich eigentlich Pop-Songs geschrieben hatte und hätte ich die dann sparsam arrangiert, dann hätte sich das angefühlt, als hätte ich nur halbe Arbeit geleistet."
Damit wären wir wieder bei dem Thema angekommen, dass Musik zuweilen gerne ein Eigenleben entwickelt. "Genau", pflichtet Anna bei, "in dem Fall war es so, dass die Refrains besser atmen konnten und wachsen konnten, wenn sie in adäquate Arrangements gepackt würden." Warum gab es ein Zusammenarbeit mit Björn Yttling als Songwriter-Kollegen? "Björn hat mein Album 'Leaving On A Mayday' produziert", erinnert sich Anna, "daher kannten wir uns. Er ist ein sehr einfühlsamer, aber auch tougher Songwriting-Partner. Ich habe so viel Zeit mit mir selbst und meinen Songs verbracht, dass ich mal was anderes machen wollte. Mit jemandem beim Song-Schreiben zusammenzuarbeiten ist tricky. Entweder es klappt - dann ist das wunderbar - oder es ist eine Katastrophe. Solche Erlebnisse hatte ich auch schon - aber mit Björn würde ich gerne sogar noch mehr schreiben." Dabei hilft es ja sicher, dass Björn - wie Anna - auch eine melancholische Ader hat. Trauriger See hin oder her: Das interessante an Annas neuen Songs ist dann aber der Umstand, dass die Inhalte der Songs alles andere als traurig geraten sind. Oft geht es darum, die positiven Seiten des Lebens wertzuschätzen, mit dem zufrieden zu sein, was man hat und das Licht am Ende des Tunnels anzustreben. Ist das eine Technik Annas Melancholie und Positivismus gegeneinander auszubalancieren? "Vielleicht", überlegt sie, "am Ende geht es immer nur darum, ein bestimmtes Gefühl zu vermitteln. Wie ich das mache, ist von Song zu Song unterschiedlich. Manchmal ist das so, dass eine Melodie das eine offenlegt und die Worte eine andere Dimension hinzufügen - was dann am Ende etwas ganz Eigenes ergibt. Ich glaube aber nicht, dass ich das bewusst mache. Es ist vielmehr so, dass wenn die Texte zur Musik passen, sich die Sache richtig für mich anfühlt und dass man das erreicht hat, was man anstrebte. Das verlangt dann nach einer Balance. Anders lässt sich das gar nicht beschreiben."
Anna Ternheim
Kommen wir mal zu Annas neuen Songs. In "Walk Your Own Way" und "Oh Mary" singt sie ja definitiv nicht von sich selbst. Um wen geht es hier? "Also für mich sind das natürlich ganz spezifische Charaktere", erläutert Anna, "ich hatte da spezifische Menschen im Sinn. In 'Oh Mary' geht es im allgemeinen um Typen, die dir das Leben aussaugen. Ich denke, so jemanden kennt jeder. Bei 'Walk Your Own Way' geht es um Hypotheken, die wir von früher mit uns tragen und von denen wir uns lösen müssen." Muss man dazu nicht Charaktere benutzen wie Schauspieler Rollen spielen? "Nicht wirklich", zögert Anna, "weil ich für gewöhnlich von echten Menschen inspiriert werde. Im Prozess des Schreibens kann die Sache dann aber durchaus ein gewisses Eigenleben entwickeln. Ich mag es, in einer Welt zu leben, in der du nur die Hälfte der Geschichte erzählst und nicht zu viel verrätst und so die Möglichkeit bleibt, dass du selbst die Punkte verbindest und deine Schlüsse ziehst. Mit wird ja oft vorgeworfen, dass meine Texte nicht besonders klar sind oder verschiedene Bedeutungen haben - das ist aber Art von Songs, zu denen ich mich selbst hingezogen fühle. Mir geht es darum, in meinen Songs Gefühle zu vermitteln - und das ginge nicht, wenn ich alles genau ausbuchstabieren würde - mit Namen, Daten und Orten. Das würde den Song teilweise töten. Ich muss in meinen Songs ja auch nichts erklären." Bleibt noch eine Frage: Was dürfen wir denn von der anstehenden Herbst-Tour erwarten? "Es wird dieses Mal wieder eine Tour mit Band werden und in anderen Clubs stattfinden als die letzte Tour", berichtet Anna, "wir wollen versuchen, dem Geist der neuen Stücke gerecht zu werden. Aber ich versuche ja auch immer älteren Stücken ein neues Gesicht zu geben und sie für die jeweilige Tour umzuarrangieren. Ich hoffe ja, dass sie dennoch wiederzuerkennen sind, aber sie werden schon recht anders sein." Nun - etwas anderes hätte man von Anna Ternheim auch gar nicht erwarten dürfen.
Weitere Infos:
www.annaternheim.com
www.facebook.com/annaternheim
www.youtube.com/watch?v=kkz58EvIklc
www.youtube.com/watch?v=XNzhfEmgO7s
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Cheryl Dunn-
Anna Ternheim
Aktueller Tonträger:
A Space For Lost Time
(BMG Rights Management/Warner Music)




Anna Ternheim

 
 

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