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LAMBCHOP
 
Gedankengeschwindigkeit
Lambchop
Mit seinem letzten Album "Flotus (First Lady Of The United States)" läutete Lambchop Maestro Kurt Wagner eine für viele alte Fans unverständliche musikalische Kehrtwende ein und machte elektronische Bestandteile, die er zuvor allerhöchstens als Effekte in den Lambchop-Arrangements versteckte, zum zentralen Bestandteil seines aktuellen Sounddesigns. Auch personell veränderte er das Projekt Lambchop grundlegend. Während sich früher kaum genug Musiker auf der Bühne tummeln konnten, so beschränkte er sich damals auf eine Kernmannschaft, in der - neben ihm selbst - höchstens noch Keyboarder Tony Crow ein verbindendes Element zur alten Lambchop-Ästhetik darstellte. Obwohl sich Kurt Wagner als Songwriter eigentlich trotz des veränderten Settings erstaunlich treu blieb, obwohl er als Performer bei den anschließenden Live-Shows zu neuer, intensiver Größe auflief, obwohl das alles letztlich gar nicht so schlimm wurde, weil er die alten Lambchop-Songs eher behutsam in die neuen Klangwelten überführte (und auf "Is A Woman" auch schon mal ähnlich reduziert gearbeitet hatte) und obwohl er mit diesem Ansatz auch neue, jüngere Fans ansprach, nahmen ihm das die Traditionalisten unter den alten Fans eher übel. "Das musst du aber auch verstehen", verteidigt Kurt diese alten Fans bei den Gesprächen zum neuen Album nun sogar, "die Leute folgen diesen traditionellen Ansätzen und es gibt ja durchaus einen Grund dafür, warum sie das tun. Bei der traditionellen Musik geht es ja per Definition gerade darum, dass etwas formal sehr bestimmt fixiert ist. Das ist übrigens der Grund, warum ich mich auch nie selbst als alternativen Country-Künstler gesehen habe. Ich habe mich immer schon einfach nur als Künstler gesehen. Ich verstehe aber, warum die Leute traditionelle Musik mögen - weil sie nämlich sehr spezifisch ist." Dann lacht er und fügt hinzu: "Also im Gegensatz zu jemandem, der einfach nur Musik mag."
Nun: Auf dem neuen Album "This (Is What I Wanted To Tell You)" geht Kurt wieder einen Schritt weiter. Nicht, indem er jetzt rein elektronische Musik macht oder gar wieder zur rein organischen Basis zurückkehrt, sondern indem er - wieder mit der wesentlichen Unterstützung von Keyboarder Tony Crow - die neue Ästhetik auf eine lautmalerische, verspielte und jazzige Art und Weise zu einer gelungenen Synthese aus bekannten und neuen musikalischen Ideen verquickte - und sich hierbei insbesondere auch auf die gesanglichen Aspekte seines Tuns konzentrierte. Ist das dann einfacher - oder (wegen der größeren Verantwortung) auch eine größere Herausforderung? "Beides, denke ich", meint Kurt, "es ist eine Herausforderung, neue Programme und neue Software zu erlernen und sich auf dem Laufenden zu halten, weil es da ständig Weiterentwicklungen gibt. Das Ganze wird aber mit der Zeit immer anwenderfreundlicher - und das ermöglicht es dir dann, schneller und effektiver zu arbeiten. Die Zeitspanne zwischen Idee und Resultat wird kürzer - und das ist ziemlich aufregend, weil man in der Geschwindigkeit seiner Gedanken arbeiten kann. Ich weiß gar nicht, ob das gut ist - aber es ist möglich." Das heißt aber doch nicht, dass Kurt weniger Zeit auf seine Ideen verwendet, oder? "Nein - aber es ermöglicht mir, die Gestalt eines Songs schneller zu formen. Das Ganze dann in Zusammenarbeit mit anderen auszuarbeiten und aufzunehmen, braucht schon noch Zeit - weil dann ja wieder Menschen beteiligt sind. Und Menschen kann man ja zum Glück noch nicht digitalisieren - die müssen dann einfach real sein." Nur um das mal auf die Reihe zu bekommen: Wie hat Kurt Wagner eigentlich zur elektronischen Musik - die früher bei Lambchop ja nie eine Rolle spielte - gefunden? "Das hat schon angefangen, als ich noch sehr jung war", erinnert sich Kurt, "ich lebte damals in Nashville in der Nähe dieses Typen, der diese alten analogen Synthesizer hatte und hat in den späten 60ern diese Happenings mit diesen riesigen Instrumenten, die ganze Räume ausfüllten, veranstaltet. Das war insofern interessant, als dass meine Eltern sich an der klassischen Musik orientiert hatten - aber experimentelle Musik wie diese durchaus auch in diese Kategorie fiel, so dass sie mich ermutigten dort hinzugehen. Es war dann sehr spannend, diese Sachen live zu erleben."
Neben den alten Kumpels Tony Crow und Bassist Matt Swanson arbeitete Kurt mit der Nashville-Legende Charlie McCoy zusammen, dessen Harmonica-Elemente in das Sound-Design integriert wurden und Matt McCaughan, einem alten Jugendfreund, mit dem Kurt erstmals zusammen arbeitete. "Matt ist einfach ein talentierter Musiker und wir haben uns auf einer Party getroffen, wo wir unsere gemeinsames Interesse an elektronischen Elementen feststellten", erinnert sich Kurt und beschreibt dann den kreativen Prozess: "Wir haben dann einen Prozess entwickelt, indem wir uns gegenseitig Elemente hin uns her schickten. Er verwendete dann meine Vocals und arbeitete um diese herum und ich bearbeitete dann diese Parts auf harmonischer Weise weiter. Dabei konnte ich auf eine Technik zurückgreifen, die es ermöglicht, analoge Informationen in digitale umzusetzen und dann etwa Geräusche, die nicht notwendigerweise musikalischen Ursprungs sind, auf musikalische Weise zu verwenden, indem man diesen tonale Informationen hinzufügt. Man kann also z.B. aus dem Geräusch eines vorbeifahrenden Zuges einen Song basteln. Es ging also nicht darum, einfach Umgebungsgeräusche hinzuzufügen, sondern Klanginformationen basierend auf diesen Geräuschen musikalisch kontrolliert einzusetzen und so Musik aus abstrakten Geräuschen zu konstruieren. Ich glaube, so etwas ist vorher noch gar nicht möglich gewesen. Ich finde das cool, weil man so Elemente kontrolliert zusammenbringen kann, von denen man bislang nur hoffen konnte, dass sie vielleicht irgendwie zusammen passen könnten." Das letzte Album "Flotus" machte Kurt ja - nach eigener Aussage - für seine Frau. Für wen machte er denn "This"? "Also dieses Mal habe ich das Album eigentlich eher für mich selbst gemacht", erklärt Kurt lachend, "aber meiner Frau gefällt es lustigerweise auch. Vielleicht sogar noch mehr als das letzte." Auf der Bühne agiert Kurt heutzutage als Sänger und Performer deutlich intensiver als früher, wo er ja meistens entspannt auf einem Stuhl saß. "Ja, das stimmt wohl", bestätigt Kurt, "ich denke, das neue Setting hat mir diese Art der Performance überhaupt erst ermöglicht. Als ich die vorletzte Scheibe machte, hatte ich eine lange Zeit keine Gitarre mehr gespielt und dann entfiel auch die Notwendigkeit, mich hinzusetzen - denn so hatte ich damals Gitarre spielen gelernt. Es stellte sich dann heraus, dass es ohne Gitarre dann angenehmer war, im Stehen zu singen. Es war so auch leichter, die Steuergeräte zu bedienen. Ich weiß gar nicht, warum das so war, aber es hat meine eigene Perspektive verändert - und das ist ja gut so."
Lambchop
Besonders interessant ist die Art, auf der Kurt auf "This" mit seinem eigenen Gesang im Studio umgeht. Am Anfang der Scheibe arbeitet er lautmalerisch mit vielen Effekten, wird dann immer klarer und intensiver und gipfelt schließlich in einem kurzen, akustischen Folkpop-Song namens "Flower", der ganz ohne Effekte auskommt. "Also was ich dieses Mal entdeckt habe, ist ein Prozess, den ich 'Stimmen-Verarbeitung' nenne, mit dem ich auf dem letzten Album angefangen habe", führt Kurt aus, "dazu gehört ein Vocoder, Soundeffekte und die Möglichkeit, die Stimme digitalisieren zu können. Es ist eine interessante, einfühlsame, wertvolle, ausdrucksstarke Art, mich als Sänger verwirklichen zu können. Es ist eine Art zusätzliche Farbe auf meiner Palette. Ich habe die ganze Scheibe so aufgebaut, dass ich meine Fähigkeiten als Vokalist aufzeigen konnte - am Ende aber mit 'Flowers' auf die pure Form zurückkomme. Das ist ein bisschen so, als hätte ich einen Brief an einen Freund geschrieben und diesem mitgeteilt, was ich alles so gemacht habe. Und 'Flowers' ist dann eine Art Postskriptum - und wie so oft enthält dieses PS dann die eigentliche Botschaft wie 'You're fired'." Warum zeigt das Covermotiv dieses Mal einfach Kurt selbst - und nicht (wie bisher) ein Gemälde oder Kunstobjekt. "Mir erschien das angebrachter, um das Konzept der im Titel des Albums verdeutlichten persönlichen Ansprache an den geneigten Zuhörer zu symbolisieren. Es soll eine Art Selbstportrait darstellen." Auf der anstehenden Tour wird Kurt Wagner - zusammen mit seinen Musikern (und ausgesuchten Support-Acts) dann das Konzept insofern ausweiten, als dass er diese persönliche Ansprache doch auf alle Anwesenden ausweitet. Wir dürfen also gespannt sein, ob sich das Lambchop-Universum dann doch wieder auszudehnen beginnt.
Weitere Infos:
www.thisiswhatiwantedtotellyou.com
www.facebook.com/lambchopisaband
www.instagram.com/lambchopisaband
www.youtube.com/channel/UCwaRoH8umEBdppg5z0sIgsA
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-
Lambchop
Aktueller Tonträger:
This (Is What I Wanted to Tell You)
(City Slang/Rough Trade)




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