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KETTCAR
 
Heute. Morgen. Übermorgen?
Kettcar
Kettcar bitten erneut zum Tanz. Die Band, die nicht als Kämpfer verstanden werden will, läutet nämlich überraschend früh Runde zwei ein. Heute erscheint bereits der böse kleine Bruder des Albums "Ich vs. Wir": "Der süße Duft der Widersprüchlichkeit" Schon die im Vorfeld veröffentlichten Songs zeichnen die Richtung vor: Es wird wieder politisch. Sei es die Heuchelei eines Spendenmarathons reicher Menschen ("Scheine in den Graben") oder auch die Vorboten der Digitalisierungsverlierer ("Palo Alto"), zudem gibt es einige Überraschungen auf dieser rundum gelungenen EP, die einem nach fünf Songs nur eine Wahl lässt: Repeat! Gaesteliste.de traf Marcus Wiebusch im Hamburg.
GL.de: Eure neue EP trägt den Titel "Der süße Duft der Widersprüchlichkeit". Und dieser Name ist Programm. Der letzte Song schließt mit den Worten: "Zeig mir einen Helden. Und ich schreib dir 'ne Tragödie." Nur wann geht man an all dem Schmerz zugrunde? Wie lange könnt ihr diesen Kampf noch kämpfen?

Wiebusch: Den Kampf? Da müsstest du erstmal genau definieren, was du mit Kampf meinst. Aber wir empfinden das ja gar nicht als Kampf.

GL.de: Aber es ist ja ein Auflehnen.

Wiebusch: Aah, Auflehnen klingt auch schon wieder so heroisch und pathetisch. Nein, Kampf ist ein zu großes Wort. Wir haben als Künstler nur gerade das Gefühl, dass wir Songs schreiben wollen und können, die sich sehr stark mit dem auseinandersetzen, was wir gerade sehen. Also, wenn ich in "Palo Alto" von den Digitalisierungsverlierern spreche, diese vier, die dann nach Palo Alto aufbrechen wollen, dann habe ich ja Augen im Kopf und sehe wie die Einschläge näherkommen. Eben, dass die Digitalisierung halt auch negative Begleiterscheinungen hervorruft und dass wir uns alle vielleicht einmal Gedanken machen sollten, in was für einer Wirtschaft wir eigentlich leben wollen. Oder ob der Mensch für die Wirtschaft da ist, oder die Wirtschaft für den Menschen. All diese Fragen. Und da schreiben wir Songs. Das würde ich jetzt nicht mit Worten wie Kampf aufwerten. Das ist einfach nur ein Bewusstmachen und Fragen stellen. Und Kultur halt auch als das nehmen, was es sein kann, als Impulsgeber, Fragensteller. Das ist unsere Aufgabe.

GL.de: Lange war es still um euch. Im Oktober 2017 hattet ihr nach der sehr langen Pause dann einfach "Ich vs. Wir" von der Leine gelassen. Und nun, keine zwei Jahre später gibt es diese neue EP. Seid ihr auf einen Topf Kreativität gestoßen?

Wiebusch: Mhm, joah. Irgendwie schon. Tatsächlich ist es so, dass wir mit dem vierten Album, "Zwischen den Runden", auch schon so was wie eine Delle hatten. Dann habe ich mein Soloalbum gemacht, es war unsicher, ob die Band noch weitermacht. Dann hat die Band weitergemacht und tatsächlich ein Album aufgenommen, mit dem wir alle auch sehr, sehr zufrieden waren. Ganz egal, wie die Reaktionen auf die Platte waren. Aber siehe da, das ganze Album fühlt sich natürlich auch wie ein Comeback an, wir sind populärer denn je. Wir waren schon 2005 sehr populär, aber jetzt haben wir mehr Fans als je zuvor. Und das ist sicherlich auch solchen Songs wie "Sommer '89", "Ankunftshalle", "Benzin und Kartoffelchips", "Den Revolver entsichern" geschuldet, weil wir da offensichtlich einen Nerv getroffen haben. Das fühlte sich gut und richtig an. Dann hatten wir sehr viel zu tun, weil wir die Popularität, die wir hatten, dann natürlich auch ausgenutzt hatten, um viel live zu spielen. Weil es sich auch richtig und gut angefühlt hat. Aber nichtsdestoweniger hatten Reimer und ich und auch Erik, die Hauptsongwriter der Band, auch noch Ideen für Songs, die sich angefühlt haben wie der dunkle, böse Bruder von "Ich vs. Wir". Die eine etwas andere Ebene haben, die auch politisch sind, aber auch hart deprimierend wie "Weit draußen". Sehr politisch, wie "Scheine in den Graben", oder eben auch "Palo Alto". Dann haben wir uns halt gedacht, komm, schnappen wir uns nochmal den Mischer von "Ich vs. Wir", namens Philipp Schweer, der wurde dann Produzent der EP. Und dann machen wir nochmal fünf Songs, die sich dahingehend auch am politischen Zeitgeist abarbeiten. Also deine Annahme, dass wir gerade eine gute, kreative Phase haben, ist durchaus gerechtfertigt.

GL.de: Du hast es ja eben schon angeschnitten. Dann lass uns nun endlich über die EP sprechen. Die erste Auskopplung "Palo Alto", das dazugehörige Video visualisiert den Songtext. Aber stellen wir uns dieses Szenario real vor: Du triffst diese Leute im Waschsalon und ihr schnappt euch keinen Benzinkanister. Was möchtest oder kannst du diesen Leuten geben?

Wiebusch: Das ist nicht meine Aufgabe, denen irgendwas zu geben. Die übergeordnete Idee in dem Song ist, dass wir uns bewusstmachen, dass wir mehr denn je in Zeiten leben, in denen wir Verlierer produzieren. Und in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird das noch viel härter. Die Digitalisierung und künstliche Intelligenz und der zunehmende Einsatz von Robotern werden dafür sorgen, dass wir bestimmte Menschen einfach nicht mehr brauchen. Also wenn Elon Musk, der Chef von Tesla, erzählt, dass du und ich das noch erleben werden, dass er selbstfahrende LKWs in Amerika auf die Straße bringt. Dann ist das der Moment, in dem neun Millionen Leute, also nicht nur die Truckfahrer, sondern auch die dazugehörigen Cafés, Hotels und Gastronomie, alles was zu diesem Business Truck dazugehört, arbeitslos werden. Das heißt also, du hast neun Millionen unzufriedene Menschen. Und ich sage dir was, die werden auch keine Softwareentwickler. Die werden in dieser modernen Zeit nicht darauf vorbereitet sein. Und wir machen uns besser heute als morgen Gedanken, was wir mit diesen Menschen vorhaben. Denn das wird passieren. Das wird von vielen Menschen noch unterschätzt. Wir sind gerade an einer harten, radikalen Geschichte dran, die sehr viele Verlierer produziert. Und gleichzeitig werden diese Leute, die das erschaffen, die diese neuen Technologien entwickeln, unfassbar reich und wohlhabend. Ich habe keine Lösungsansätze, jetzt und hier. Wir können über bedingungsloses Grundeinkommen reden, wir können über Steuergerechtigkeit reden, ich weiß es nicht. Aber wir machen uns besser heute als morgen Gedanken darüber, was wir machen.


GL.de: Digitalisierung, das reale Schreckgespenst, DAS Thema in "Palo Alto", macht auch vor der Musik nicht halt. Ist es da nicht falsch, dass ihr das ganze anprangert, aber dennoch Werbung dafür macht, dass Spotify euch auf das Cover der Indie Radar-Playlist gesetzt hat? Ich rieche ihn bereits, den süßen Duft der Widersprüchlichkeit...

Wiebusch: Nein. Wir sind Teil des Systems, absolut. Spotify ist nun mal ein Player, der gerade maßgeblich für die Verbreitung von Musik ist. Und dadurch, dass wir Musik mit Ideen haben, sind wir natürlich auch an der Verbreitung der Idee interessiert. Da ist uns jeder Player wie YouTube oder Spotify recht. Denn was sollen wir sonst machen? Eine Vinyl-Single rausbringen? Auf 500er-Basis? Da habe ich am ersten Tag mehr Klicks auf YouTube. Also das bringt es nicht. Wir müssen uns das halt bewusstmachen, dass das die neuen Player sind und da das Beste draus machen. Zu deiner Eingangsannahme, dass das ein widersprüchliches Feld ist: Ich finde auch, dass man Spotify nicht glorifizieren darf, aber man muss sie vielleicht auch nicht verteufeln. Als etablierter Künstler habe ich da noch gute Karten, ich habe letzten Samstag vor 3.500 Leuten im Mehr! Theater gespielt, was soll ich mich ernsthaft aufregen? Ich spiele live, ich kann von der Musik leben. Aber frag mal einen Künstler, der 1.000 Klicks hat, wie der seine Produktion bezahlen will. Ich habe irgendwo mal gesehen, für 1.000.000 Klicks gibt es 4.000 Euro. Damit bekommst du keine Produktion bezahlt. Und wie schwer ist es, auf 1.000.000 Klicks zu kommen! Es ist sehr, sehr schwierig mit der Musik und dem Streaming.

GL.de: Ich komme gar nicht umhin das anzusprechen. "Scheine in den Graben" glänzt vor allem nochmal zum Abschluss durch die wirklich ungewohnte und toll umgesetzte Einbindung von sage und schreibe zehn Gesangsgästen! Wie seid ihr auf diese grandiose und wahnwitzige Idee gekommen?

Wiebusch: Also erstmal singen sie ja auch alle im Refrain mit, auch wenn sie leise im Hintergrund sind. Aber du hast natürlich Recht, die tauchen erst am Ende so richtig auf. Die Idee ist, wir haben einen Song und ein Thema, die heuchlerische Empathie einer privilegierten Oberschicht. Das ist das offensichtliche Thema. Das Unterthema des Songs ist aber, es ist ungerecht verteilt. Es herrscht eine unglaubliche Ungleichheit von Vermögen in dieser Gesellschaft, in allen westlichen Gesellschaften. Ganz wenige haben ganz viel und sehr, sehr viele haben sehr wenig. Und diese Schere geht immer weiter auseinander. Das ist der Unterton in diesem Text, der immer mitschwingt. Weil natürlich haben die Leute mit ihrer heuchlerischen Empathie, die im Grunde genommen nur Mitleid ist, die sich halt so karikativ ganz vielen Sachen gießkannenmäßig verschreiben, kein wirkliches Interesse tatsächlich etwas zu ändern. Das machen die nur für sich selber, für ihr Gewissen und natürlich für die Aufmerksamkeit, die es generiert und natürlich auch Steuerabschreibungen, bla bla bla. Über die machen wir uns lustig. Was hat das mit diesen zehn Leuten zu tun? Auf diesen Gedanken, dass das scheiße ist, können sich alle, die da mitmachen, einigen. Und unser Gedanke war, lass uns doch mal Künstler, wie Bela B. von den Ärzten und Safi, eine absolute Undergroundkünstlerin, aus Berlin, in einem Song zusammenführen. Weil all diese Leute verbindet das. Ich habe den Leuten geschrieben, dass, auch wenn wir im linken politischen Spektrum, und da zähle ich all diese Künstler zu, hier und da unterschiedlicher Meinung sind, haben wir so viel mehr, was uns verbindet, als was uns trennt. Und jetzt können wir uns mal auf eine Sache einigen und zwar, dass wir diese heuchlerische Empathie scheiße finden. Lass uns doch mal einen Song zusammen machen und zeigen, dass man noch Allianzen bilden kann, ein Wir bilden kann. Und das machen wir zusammen, da hole ich sehr, sehr populäre Künstler, Undergroundkünstler, Frauen, Männer, politische Künstler, wie Sookee und Marie von Neonschwarz oder auch unpolitische Künstler wie Gisbert zu Knyphausen, der sich aber trotzdem linksfühlend begreift, ins Boot. Die hole ich mal zusammen in einen Song und zeige, dass Allianzen möglich sind. Auch wenn man nicht in jedem Punkt einer Meinung ist. Ich finde, das ist so eine streberhafte Einstellung von vielen Linken. Können wir mal aufhören mit diesem streberhaften Tun? Es ist überhaupt nicht zielfördernd. Es lähmt die kraftvolle Entwicklung zu einer positiveren Gesellschaft. Ich will jetzt nicht sagen, dass der Song was erreicht, aber wenigstens hat er zehn Leute zusammengebracht, die diesen Song auch fühlen. Und Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen hat ja sogar eine dritte Strophe gemacht, weil er offensichtlich auch fühlt, was wir in dem Song wollen.

GL.de: Hat er das von sich aus angeboten?

Wiebusch: Das war ganz interessant. Wir haben uns getroffen und diskutiert und er fand das alles ein bisschen kurz. Er meinte dann, er könnte sich vorstellen noch eine dritte Strophe zu machen. Hey, wow! "Wenn sich das gut anfühlt für dich und wir dir das einwilligen können" und das ging dann halt. Ich fand das sehr spannend! Auch wenn es ein bisschen wie ein Ufo ist, das in dem Song landet. Aber ich finde, es ist ein toller Ausdruck dessen, dass man halt unterschiedlichste Künstler an einen Tisch bekommen kann. Relativ viele Leute waren total überrascht: "Goldene Zitronen und Kettcar, hätten wir ja nie gedacht." Ey, da kackt der Hund drauf, uns trennt gar nicht so viel. Vor allem trennt uns in diesem Bereich gar nichts. Wir sehen das alle so. Und jetzt haben wir das alle so zum Ausdruck gebracht.

GL.de: Ihr habt das quasi nochmal unterschrieben.

Wiebusch: Ja, genau! Und das ist was Gutes! Und nicht dieses Gelaber: "Jetzt macht ihr so eine Gemeinschaft und denkt euch..." Wir sind ein wir! Ich kann dir ganz viele Leute aus dem linken politischen Spektrum nennen, die in ganz vielen Blöcken absolut einer Meinung sind. Aber ständig, wenn da einer mal eine andere Meinung hat: "Nee, der gehört nicht dazu, der hat da eine andere Meinung. Der ist nicht dabei." Scheißt der Hund drauf! Wirklich! Weil es ist wirklich lähmend. Für sowas wie eine kraftvolle politische Ausrichtung und Teilhabe am politischen Diskurs ist es absolut lähmend und nicht zielführend und ich lehne es ab. Und ich verhöhne das als Strebertum und das muss aufhören.

GL.de: Letzte Frage und sei mir bitte nicht böse. "Ich vs. Wir", "Der süße Duft der Widersprüchlichkeit": Wie konntet ihr diese schreckliche Covergestaltung abnicken?

Wiebusch: Ich sage es mal ganz offen. "Ich vs. Wir" ist der beste Albumtitel, den wir je hatten. Es ist der Knaller vorm Herrn! Es geht eigentlich nicht besser. Und da brauchst du halt nichts anderes als diese Worte. Dann ist es gut. Uns war klar, wenn man schon mal so einen Knaller hat wie "Ich vs. Wir", wo wir auch ziemlich viel Lob für bekommen haben, dann muss das all over the place sein. Dann ist da kein Platz mehr für Grafik.

GL.de: Hier sind wir.

Wiebusch: Hier sind wir und unser Album heißt "Ich vs. Wir". Und das ist halt richtig dick und groß. Dass da hinter irgendwas durchschimmert, ist dann auch egal.

GL.de: Doch noch eine schnelle Frage. Wieso nur eine EP?

Wiebusch: Wir wollten raus. Wir sahen die Notwendigkeit. Das ging mir bei "Sommer '89" auch extrem so. Der Song war fertig und ich dachte, jetzt muss der raus. Und dann hat das noch ein Jahr gedauert, bis der rauskam. Für diese EP hatten wir auch noch mehr Ideen, aber wir wollten nicht noch warten. Denn wir hatten das Gefühl, dass "Palo Alto" jetzt raus muss. Und "Scheine in den Graben" muss auch jetzt raus. Und deswegen die EP.

Weitere Infos:
www.ghvc.de/index.php?id=kettcar
www.facebook.com/kettcar
www.kettcar.net
de.wikipedia.org/wiki/Kettcar_(Band)
Interview: -René Biernath-
Foto: -Pressefreigabe-
Kettcar
Aktueller Tonträger:
Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir Vs. Ich)
(Grand Hotel van Cleef/Indigo)




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