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LEWSBERG
 
"Wir wollen schlicht klingen"
Lewsberg
So cool gießt derzeit kaum eine zweite Band Purismus in Töne: Mit indifferenter Lässigkeit tritt das Rotterdamer Quartett Lewsberg auf seinem famosen selbstbetitelten LP-Erstling das Erbe von Bands wie The Velvet Underground, Modern Lovers und Galaxie 500 an und erhebt dabei die Tristesse der eigenen Herkunft kurzerhand zur Kunstform. Mit oft meisterlicher musikalischer Selbstbeschränkung konzentrieren sich Arie van Vliet (Gesang, Gitarre), Michiel Klein (Gitarre), Shalita Dietrich (Gesang, Bass) und Dico Kruijsse (Schlagzeug) ganz auf das Wesentliche. Ihr sperrig-repetitiver Soundminimalismus, der weder Effekte noch große Melodien braucht, um zu begeistern, lässt dabei viel Raum für die mit unwiderstehlichem niederländischen Akzent vorgetragenen Texte, bei denen herrliche Zeilen wie "He loved to talk, but he hated conversation" (aus "Non-Fiction Writer") einen smarten Blick für feine Details beweisen. Pünktlich zu ihrer ersten, stolz von Gaesteliste.de präsentierten Deutschlandtournee hat das ursprünglich letztes Jahr selbst verlegte Lewsberg-Debütalbum nun auch ganz offiziell einen Vertrieb in Deutschland, doch sonst halten die Rotterdamer mit stoischer Gelassenheit an ihren selbst gewählten DIY-Werten fest, verzichten auch weiterhin konsequent auf eine Präsenz in den Sozialen Medien und blicken lieber nach innen, als auch nur einen Gedanken an die Normen und Werte der modernen Popmusikwelt zu verschwenden. Wir trafen Arie van Vliet letzten November vor dem umwerfenden Auftritt seiner Band im Münsteraner Gleis 22.
GL.de: Arie, wir haben scherzhaft über euch geschrieben: "Würde man Lewsberg nach ihren drei wichtigsten musikalischen Einflüssen fragen, sollte man nicht überrascht sein, falls sie mit '1. Velvet Underground, 2. Velvet Underground und 3. Velvet Underground' antworten." Wie weit ist das von der Wahrheit entfernt?

Arie: Natürlich habe ich viel Velvet Underground gehört, wir alle haben das. Sie sind eine große Inspiration für uns, denn sobald du sie einmal gehört hast, kannst du das nicht mehr ungehört machen. Allerdings waren sie nicht der einzige Einfluss. Bevor unsere Band gegründet wurde, haben wir auch viel Talking Heads gehört, aber auch Frank Ocean. Die Inspiration kommt aus allen möglichen Richtungen.

GL.de: Ihr klingt, als würde euch das, was ihr tut, sehr leichtfallen. Ist es das wirklich, oder war harte Arbeit nötig, um es so aussehen zu lassen?

Arie: Nein, es fällt uns leicht. Ich weiß gar nicht, wie ich es ausdrücken soll, aber letztlich benutzen wir einfach nur die Zutaten, die wir mögen. Wir machen noch nicht einmal viel damit! Weil wir keinerlei Soundeffekte wie Reverb benutzen, klingt unsere Musik bisweilen etwas schlicht, aber das ist eine sehr bewusste Entscheidung, die wir getroffen haben. Wir wollen schlicht klingen.

GL.de: Interessanterweise kommen ja selbst die Musiker, die puristisch angefangen haben, mit der Zeit fast alle an den Punkt, an dem sie dem Drang nicht widerstehen können, doch etwas mehr Technik einzusetzen. Schön, dass das bei euch anders ist!

Arie: Bei uns war es in der Tat so, dass wir uns mit der Zeit sogar stärker beschränkt haben. Ich mag die einfachen Dinge, ich mag langweilige Sachen. Wenn die Musik auch so aussagekräftig ist, braucht es keine Effekte. Genau darauf arbeiten wir hin: Musik zu machen, die für sich selbst spricht, ohne dass sie etwas Besonderes braucht. Wie sehr ich simple Musik mag, wurde mir erst wirklich bewusst, als ich zum ersten Mal Galaxie 500 gehört habe. Auch wenn sie viel mit Hall arbeiten, klingen sie immer noch sehr simpel: Die Beschränkung nur auf Gitarre, Bass, Schlagzeug und Stimme hat mich sehr beeindruckt.

GL.de: Du hast eben gesagt, dass du langweilige Dinge magst. Das spiegelt sich sehr schön auch in euren Texten wider, für die du oft eine betont distanzierte Beobachterrolle einnimmst. Wie kam es dazu?

Arie: Ich mag es nicht, wenn Songs zu emotional sind, dabei mag ich Lieder über Emotionen. Dazwischen liegt ein feiner Unterschied, der mir sehr wichtig ist. Wenn ich Abstand halte, kann ich die Gefühle besser beschreiben, ohne Gefahr zu laufen, selbst gefühlsduselig zu werden. Darauf ziele ich mit meinen Texten ab. Die meisten Leute schreiben Lieder über die Extreme, ich dagegen schreibe lieber über das Durchschnittliche, das Alltägliche. Wie es dazu kam? Vermutlich habe ich irgendwann einfach bemerkt, dass ich meine eigenen Gefühle, meine Gedanken, mein Leben nicht interessant genug fand, um darüber zu schreiben.

GL.de: Hast du denn früher anders geschrieben?

Arie: Ja! Früher habe ich sogar mal ein Liebeslied geschrieben. Ich glaube nicht, dass ich das heute noch könnte! Vielleicht könnte ich <i>über</i> Liebe singen, aber nur, wenn sie nicht das Hauptthema wäre.

GL.de: Du hast gerade von "Singen" gesprochen, dabei benutzt du ja zumeist eher eine Art Sprechgesang...

Arie: Ja! Manchmal weiß ich von Anfang an, dass ich den Text lieber sprechen möchte, aber manchmal spüre ich auch einen bestimmten Rhythmus in der Musik, der zum Text passt, dann bleibe ich immer noch beim Sprechen, aber in einer rhythmischen Art, und wenn ich mich ganz besonders wohlfühle, füge ich auch noch ein paar Melodien hinzu. Das klingt dann fast, als ob ich singe, aber ich glaube, eigentlich spreche ich auch dann noch!

GL.de: Daheim in Holland werdet ihr des Öfteren gefragt, warum ihr nicht auf Niederländisch singt. Stand das für euch jemals zur Debatte?

Arie: Ja! Manchmal schreibe ich Kurzgeschichten auf Niederländisch und irgendwann in der Zukunft würde ich auch gerne Texte für meine Musik auf Holländisch verfassen, aber im Moment behagt es mir, mich in einer Sprache auszudrücken, die mir ein wenig unbehaglich ist. Das klingt ein bisschen albern, aber das hilft mir, alles schlicht zu halten. Würde ich auf Niederländisch schreiben, würde ich vermutlich meine Texte unentwegt überarbeiten und nie wirklich zufrieden damit sein. Das Englische hilft mir zudem, die Distanz zu wahren, die ich so mag.

GL.de: Trotzdem habt ihr die Band nach einem früh verstorbenen niederländischen Schriftsteller benannt. Was hat euch speziell an Robert Loesberg gereizt?

Arie: Mir gefällt, dass er sich Trübsal zu eigen gemacht hat, ohne dabei in Selbstmitleid zu zerfließen. Er hat nur zwei Bücher geschrieben, das beste davon heißt "Enige defecten". Das Buch ist keine Autobiografie im eigentlichen Sinne, aber die Hauptperson in jeder der Geschichten trägt seinen Namen. Vermutlich geht es also am Ende doch um ihn selbst. Alle Geschichten drehen sich um Kummer, aber wie er damit umgeht, fand ich sehr interessant. Bei ihm liest es sich fast so, als sei Trübsal etwas Gutes.

GL.de: Mal ganz naiv gefragt: Ist Robert Loesberg in Holland bekannt (gewesen)?

Arie: Nein, überhaupt nicht. Da geht es ihm wie vielen anderen Rotterdamer Autoren, die nicht die Aufmerksamkeit erfahren, die ihnen gebührt. Über die Jahre hat es eine Menge spannender Schriftsteller aus Rotterdam gegeben, vielleicht sogar mehr als im Rest der Niederlande, aber irgendwie haben sie nie den Sprung über die Stadtgrenzen hinaus geschafft.

GL.de: Würdest du sagen, dass das auch für Bands gilt?

Arie: Ja, vielleicht! Aber genau wie die Schriftsteller hat es auch die Musiker nicht groß gekümmert. Ich möchte jetzt eigentlich nicht für alle anderen Bands in Rotterdam sprechen, aber mir kommt es so vor, als wenn wir Rotterdamer Musiker nie für ein Publikum schreiben - und bei den Schriftstellern ist das ähnlich. Künstler in Amsterdam haben von Anfang an das Auditorium im Hinterkopf, was auch bedeutet, dass sie es brauchen. Wenn du dagegen deine Sachen nicht auf ein Publikum zuschneidest, dann brauchst du auch keins.

GL.de: Vielleicht auch deshalb sind die Reaktionen auf eure Musik allenthalben positiv, und inzwischen seid ihr auch europaweit unterwegs. Überrascht euch das?

Arie: Ja, ein wenig schon! Gleichzeitig wissen wir aber auch, was wir machen, und sind ziemlich überzeugt von unserem Tun. Ich persönlich habe zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, dass ich Musik mache, die ankommt. In dieser Hinsicht ist es keine Überraschung, aber es freut uns, dass die Leute sich für Musik begeistern, für die nicht 24 Stunden am Tag auf den Social-Media-Kanälen die Werbetrommel gerührt wird.

GL.de: Woran liegt es deiner Meinung nach, dass Kunst in und aus Rotterdam einen so geringen Stellenwert besitzt?

Arie: Ich denke, das liegt daran, dass Rotterdam früher sehr arm gewesen ist, eine typische Arbeiterstadt. Das hat dazu geführt, dass sich die meisten Leute nie groß für Musik und Schriftstellerei interessiert haben. Inzwischen hat sich das gewandelt. Heute ist Rotterdam fast schon eine Touristenstadt. Das gefällt mir nicht besonders, genauso wenig wie die Gentrifizierung, aber was soll ich machen? Auch an den Veranstaltungsorten kann man ablesen, wie wenig wertgeschätzt Popmusik in Rotterdam ist. In Eindhoven gibt es das Effenaar, in Utrecht den Tivoli, in Nijmegen das Doornroosje, nur bei uns gibt es keine große, moderne Bühne. In Rotterdam gibt es nur Rotown, und das ist mit 300 Leuten schon brechend voll.

GL.de: Letzte Frage: Was macht dir momentan am meisten Spaß?

Arie: Das Herumreisen! Im Auto zu sitzen und an Orte zu fahren, an denen wir noch nie waren. Wir haben kein Mietauto, sondern sind in unserem Citroen Berlingo unterwegs, der gerade groß genug für uns und unser Equipment ist. Das Schlagzeug passt allerdings nicht mehr rein, deshalb bitten wir immer darum, das Drumkit der anderen Band des Abends benutzen zu dürfen. Wenn wir in Holland spielen, müssen wir manchmal trotzdem unser eigenes Schlagzeug mitnehmen - aber an bequem sitzen ist dann nicht mehr zu denken!

Weitere Infos:
www.lewsberg.net
lewsberg.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
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Aktueller Tonträger:
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(Lewsberg/Cargo)




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