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JOSIN
 
Der Stich ins Herz
Josin
Zunächst mal kurz die Fakten: Ursprünglich kommt die Tochter ausgebildeter klassischer Musiker aus Köln (wo sie studierte), lebte lange in ihrer Wahlheimat Hamburg (wo sie ihre musikalische Laufbahn auch begann) und hat ihre Basis heutzutage auf dem Land in der Nähe von Freiburg aufgeschlagen. Ihre erste EP nannte Josin "Evaporation" - ein dezenter Hinweis auf ihren echten Nachnamen (Rauch) und ein Versuch, ihrer Musik ein assoziatives Gesicht zu verleihen. Rauch, Schatten, Nebel und andere zwielichtige Zustände spielen nämlich eine große Rolle im musikalischen Kosmos von Josin. Denn Josin hat - bisher im DIY-Modus - mit Hilfe von Piano, elektronischen Keyboards, Samples, Gitarre und viel Computertechnik ein ganz eigenes Sounddesign entwickelt, in dem letztlich nichts so ist, wie es scheint und in dem sie sich mehr als Klangmalerin denn als Geschichtenerzählerin verwirklicht. Tatsächlich steht dabei der musikalische Entdeckungsprozess im Zentrum, an dem Josin den Zuhörer - insbesondere auf der Bühne, aber auch auf dem nun fertig gestellten Debütalbum "In The Blank Space" teilhaben lässt bzw. diesen sozusagen entführt und mitnimmt. Oder ist dieser Eindruck vielleicht falsch?
"Nein, das ist auf jeden Fall so", bestätigt Josin zum Glück, "ein Prozess ist das immer. Ich glaube ich habe noch nie einen Song von a bis z in ein paar Tagen fertig geschrieben. Ich bin immer total viel mit dem Camper in Norwegen unterwegs und ich liebe es, unterwegs zu schreiben. Meistens entstehen auf den Reisen kleine Fetzen, die ich dann auch schon mal anproduziere. Diese Ideen und Demos bringe ich mit nach Hause und produziere diese dann im Studio fertig. Meine Songs gehen also sozusagen durch viele verschiedene Länder und Orte, wobei jeder Ort dann das beiträgt, was der Song braucht. Dadurch, dass ich immer versuche draußen zu sein, wenn ich nicht im Studio bin, weiß ich einfach, dass meine Umgebung und die Natur meine wichtigste Inspirationsquelle ist." Das gilt übrigens auch für Josins Videos, in denen atmosphärische Naturaufnahmen stets eine große Rolle spielen. "Bei mir kommen die Texte dann vom Ablauf her erst an zweiter und dritter Stelle", ergänzt Josin", "denn zunächst geht es mir um die Musik. Das Schwierige war für mich, die Songs abzuschließen, wie es dann auf das Album zuging." Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum die Produktion des Albums so lange dauerte. "Auf jeden Fall", stimmt Josin zu, "und ich habe ja sogar auch noch ältere Songs mitgenommen, die wir zwar neu gemischt, aber eben nicht neu geschrieben haben. Wobei ich jetzt aber das Gefühl habe, dass alles viel schneller gehen würde, wenn es an ein zweites Album geht." Das Entscheidende aber ist, dass sich die Reise des Songs auf die Hörer überträgt.

Was zeichnet dabei einen guten Song für Josin aus? "Wenn ich einen Song immer wieder auf dem Klavier spielen kann und gar nicht merke, wenn der Song vorbei ist und mich wohl dabei fühle und er mich nicht selbst langweilt", beschreibt Josin, "dann merke ich auch, dass der Song fertig und jetzt wirklich meiner ist. Du kannst dich beim Song-Schreiben nicht betrügen. Wenn du rumschlampst, wird dich das irgendwann selbst nerven. Vielleicht lasse ich deswegen die Sachen auch so lange liegen. Wenn du mit deinem eigenen Urteil schreibst, kannst du dich nicht selbst betrügen. Wonach ich auch immer suche, ist der leichte Stich im Herzen. Auch eine Nummer wie 'Feral Thing', die ja ziemlich nach vorne geht, muss einen auf melancholische Art berühren, eine Gänsehaut erzeugen und eben einen Stich ins Herz gibt. Das ist mein Kick beim Song-Schreiben. Das eine weinende Auge muss zumindest da sein. Darum herum kann ich gut etwas aufbauen - auch wenn ich mir vielleicht eine fröhliche Maske aufsetze. Das Ausschlaggebende ist immer der besagte Stich im Herzen."

Woher kommt eigentlich die symphonische Note in Josins Musik? Gibt es da eine klassische Ausbildung? "Nein", meint Josin überraschenderweise, "wie du ja weißt, sind meine Eltern beide Opernsänger - wobei ich allerdings nicht behaupten würde, dass wir uns ausschließlich über Violinen und Bass-Schlüssel unterhalten haben. Aber ich glaube, ich habe doch mega-viel aufgeschnappt. Dieser Zugang zu symphonischen und klassischen Instrumenten und Melodien hat sich auf mich ausgewirkt. Ich glaube auch, dass mir das irgendwie liegt und ich weiß, was die Instrumente wie Cello oder Geige oder Blasinstrumente machen könnten. Witzigerweise denke ich dabei oft auch an Opern. Bei 'Oceans Wait' gibt es am Anfang eine Posaune und ich glaube, dass diese bei Pucchinis 'Madame Butterfly' eine ähnliche Stimmung gibt. Ich denke, da ich da unbewusst auf eine Art Trickkiste zurückgreifen kann, mit der ich groß geworden bin - aber ich habe es nie gelernt." "Posaune" ist aber ein gutes Stichwort, denn eine Posaune kann man bei Josins "Oceans Wait" gar nicht heraushören. Das Fabrizieren möglichst wenig definierter Klangbilder gehört sicherlich auch zu Josins Leidenschaften, oder? "Zu 99,9% spiele ich alleine alles ein - weil ich im Studio immer alleine bin", erklärt Josin, "aber ich habe jetzt bei den letzten drei Singles angefangen, mit echten Streichern zusammenzuarbeiten und das hat für mich wirklich die Welt verändert. Ich arbeite zunächst immer mit Samples - aber wenn diese dann am Ende echte Menschen einspielen, entsteht dann aber natürlich eine ganz andere Energie. Ich fange also mit 'künstlichen' Instrumenten an und versuche dann, diese organisch umzusetzen. Zum Beispiel auch bei den Rhythmen. Ich kann selbst nicht Schlagzeug spielen und fange erst mal mit programmierten Beats an. Diese versuche ich dann mit organischen Sounds anzureichern und bastele mir dann eigene Samples." Gut - das klingt logisch. Es erklärt aber nicht, warum es auf der LP - anders als bei den vorangegangenen Veröffentlichungen und auf der Bühne - außer bei dem Track "Feral Thing" gar keine Gitarre mehr zu hören gibt. Warum ist das denn so? "Das ist eine gute Frage", zögert Josin, "es stimmt aber, Ich habe ja einen Song 'Daily Grind', den ich auf der Bühne nur mit der Gitarre spiele und den wollte ich eigentlich auch unbedingt mit auf die LP nehmen. Aber wir haben dann mit dem Label gesprochen und haben uns dann dazu entschieden, ein eher kurzes Album zu machen. Unter anderem weil alle meinte, dass ich ja sowieso nur Fünf-Minuten-Songs schriebe und deswegen nicht mehr als zehn Songs auf die Scheibe sollten. Am Ende sind es neun geworden und ich finde es auch gut, dass es ein kurzes Album geworden ist, weil es immer besser ist, wenn man zu wenig als zu viel macht."

Josin
Was ist eigentlich die größte Herausforderung, wenn man Musik weitestgehend alleine macht - und dabei in einem Genre agiert, das durch große Vorreiter (wie etwa Radiohead) besetzt ist? "Die größte Herausforderung ist für mich wahrscheinlich nicht zu viel Radiohead zu hören und nicht den Verstand zu verlieren. Denn das ist ja ein Prozess, bei dem du dich mit niemandem austauschen kannst. Und die dritte Herausforderung ist zu versuchen, einen neutralen Standpunkt einzuhalten. Viele Bands, mit denen ich mich unterhalte, sagen immer, dass ich es ja so gut habe, weil ich keine Kompromisse schließen muss. Manchmal sehne ich mich aber nach so etwas. Denn ich verliere immer so viel Zeit, wenn ich alles alleine mache. Ich muss nämlich immer erst in die Sackgasse rein und gegen die Wand laufen bevor ich feststelle, dass das nicht der richtige Weg war. Da gibt es ja niemanden, der mir die Richtung vorgibt. Ich muss alles mit mir selbst ausmachen - und das sehe ich als Herausforderung."
Und in der Zukunft? Gab es nicht mal Pläne, mit anderen Musikern zusammenzuarbeiten? "Ja, ich habe mir das zumindest für Live-Auftritte überlegt", bestätigt Josin, "etwa mit einem Schlagzeuger zu arbeiten und jemand, der auch Keyboards spielen kann. Das hatte ich mir als Entlastung gedacht - aber eigentlich ist das ja viel herausfordernder. Ich weiß auch nicht, ob wir das auf der kommenden Tour schon umsetzen können, weil es zu viel zu tun gibt und die Tour schon bald losgeht. Versprechen kann ich das also noch nicht." Nun - vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig, denn auch ohne zusätzliche Musiker ist eine Josin-Show ein ziemlich einzigartiges, hochemotionales Erlebnis. Davon kann man sich auf der anstehenden Tour wieder ein Mal überzeugen.
Weitere Infos:
josinmusic.com
www.facebook.com/josinmusic
www.youtube.com/watch?v=Ypr5Kews8Z0
www.youtube.com/watch?v=u7ft5HsCbr4
www.youtube.com/watch?v=t0f-e50HZIM
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-
Josin
Aktueller Tonträger:
In The Blank Space
(Dumont Dumont/Membran)




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