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OH SUSANNA
 
Finger weg von Jesus!
Oh Susanna
Es muss nicht immer "Last Christmas" sein. Dieses Jahr zeigt die kanadische Singer/Songwriterin Suzie Ungerleider alias Oh Susanna, wie leicht es sein kann, saisonale Musik jenseits von Kitsch und falscher Gefühlsduseligkeit zu machen - und das gleich zweimal. Gemeinsam mit dem Pianisten und Songschreiber Michael Johnston veröffentlicht sie die von den "Swinging-Holidays" der 50er-Jahre inspirierte EP "Decemberly", mit der sie eher die Tage nach dem Fest in den Fokus rückt, und an der Seite der niederländischen Americana-Aficionados Hidden Agenda Deluxe feiert sie auf "Angels In The Snow" transatlantische Weihnachten mit einer Reihe Songs, die zumeist eher nachdenklich als feierlich sind und oft aus der Feder betont unsentimentaler Outlaws wie Townes Van Zandt ("Snowin' On Raton"), Lyle Lovett ("The Girl With The Holiday Smile") oder Steve Earle ("Christmas Time In Washington") stammen. Vor ihrem Auftritt mit Hidden Agenda Deluxe in 's-Hertogenbosch verriet uns Suzie, wie es dazu kam.
Gaesteliste.de: Du hast dieses Jahr gleich zwei Weihnachts-Platten gemacht, aber beide sind alles andere als traditionell. Reiner Zufall?

Suzie: Nein! Auf der Platte von Hidden Agenda Deluxe bin ich ja eher ein Gast. Sie wollten eine Americana-Weihnachtsplatte machen, deshalb finden sich auf dem Album auch Coverversionen von The Band, Joni Mitchell oder eben Steve Earle. Sie wollten sich aber nicht vollends in die Weihnachtsstimmung stürzen, sondern eher andeuten, was Weihnachten auch noch sein kann - the good, the bad and the ugly (lacht). Die EP, die ich mit Michael Johnston gemacht habe, ist von den Zusammenkünften inspiriert, die Michael gemeinsam mit seiner Partnerin veranstaltet, bei denen sich alle ums Klavier versammeln und singen. Wir hatten zwei selbst geschriebene Songs, aber als es um die Frage ging, welche wir außerdem noch einspielen würden, habe ich ihm klipp und klar gesagt: "Ich lasse die Finger von Jesus!" (lacht)

Gaesteliste.de: Warum?

Suzie: Es war mir wichtig, dass es eine säkulare Platte wird. Das liegt vor allem daran, dass meine Familie väterlicherseits jüdisch und mütterlicherseits unitarisch ist. Bei uns zu Hause glaubt also niemand an Jesus, aber wir lieben trotzdem Weihnachten. Ich liebe die Zusammenkünfte, die Lichter, das ganze Drumherum, wenngleich wir es nicht so mit den Geschenken haben.

Gaesteliste.de: Die beiden Veröffentlichungen heben sich aber nicht nur von den üblichen Weihnachtsplatten ab, sie klingen auch ganz anders als das, was du auf deinen Solowerken machst. Warst du auf der Suche nach einer Herausforderung?

Suzie: Ja! Zudem glaube ich auch, dass jeder verschiedene Seiten hat. In meinen Augen ist Weihnachten sehr kitschig, und das wollte ich mir zu eigen machen, gerade weil meine Songs sonst eher ernst und vom Storytelling getrieben sind. Mit den Weihnachtsliedern ging es mir mehr um unbeschwerten Spaß. Das wollte ich rüberbringen.

Gaesteliste.de: Bereits deine letzte Soloveröffentlichung, "A Girl In Teen City" im Jahre 2017, war ein Konzeptalbum. Ist das Arbeiten mit einem vorgegebenen Rahmen etwas, das du inzwischen besonders schätzt?

Suzie: Konzepte sind großartig! Sie sind wie ein Skelett, dem du dann das Fleisch hinzufügen kannst. Gerade bei "A Girl In Teen City" gab das Konzept die Richtung vor, welche Songs ich zu schreiben hatte und welche Themen ich ansprechen würde. Das hat mir beim Schreiben vieles erleichtert. Ich mag den vorgegebenen Rahmen, weil sich die Arbeit dann eher wie eine dir übertragene Aufgabe anfühlt. Wenn du gewissermaßen eine weiße Leinwand vor dir hast, ist es deutlich schwieriger. Allerdings ist es auch dann so, dass sich nach einer Weile ein roter Faden herausschält. Das war selbst schon bei "Sleepy Little Sailor" [Oh Susannas erstes in Europa veröffentlichtes Album von 2001] so. Bei einem Interview präsentierte mir damals jemand eine tiefgreifende Analyse der Texte, die absolut perfekt war. Sie enthielt all die Motive, die ich unterbewusst im Kopf hatte, obwohl ich mir dazu gar nicht so intensiv Gedanken gemacht hatte. Das hat mir gezeigt, dass sich unser Bewusstsein an verschiedenen Punkten in unserem Leben ganz von allein bestimmten Thematiken und Geschichten zuwendet.

Gaesteliste.de: Ist der Wunsch nach mehr Struktur vielleicht auch der Tatsache geschuldet, dass du auf inzwischen acht Alben die Möglichkeit hattest, all das zu tun, wonach dir der Sinn stand?

Suzie: Ja! Zu viele Möglichkeiten zu haben, kann die Dinge mit der Zeit verkomplizieren. Außerdem sorgt ein vorgegebener Rahmen dafür, dass du auf Sachen kommst, die du sonst nie angefasst hättest, weil du gezwungen bist, dich mit bestimmten Thematiken und Geschichten auseinanderzusetzen. Wenn du vor einem leeren Blatt sitzt, wäre die Chance viel größer, dass du nicht weißt, was du sagen sollst (lacht)! Ich denke, dass du recht hast. Anfangs ist allein die Chance, überhaupt einen Song schreiben zu können, schon Lohn genug, aber nachdem du das wieder und wieder gemacht hast, suchst du nach neuen Inspirationen, die dich weiter neugierig sein lassen.

Gaesteliste.de: Kannst du dich an einen Punkt in deiner Karriere erinnern, an dem du wusstest, dass du deinen Weg gefunden hast?

Suzie: Oh, ich weiß nicht! Ich denke, zu Anfang hatte ich ein viel klarer definiertes Bild davon, was für Musik ich machen wollte. Meine Lieder sollten düster sein, den Geist alter Folk-Songs und Balladen atmen und ganz allgemein diesen Gothic-Anstrich besitzen. Je mehr Zeit verging, desto unsicherer wurde ich. Ich bin heute viel mehr ich selbst, aber es fällt mir schwerer, das in Kategorien einzusortieren.

Gaesteliste.de: Um noch einmal auf das Weihnachtsthema zurückzukommen: Du bringst dich gerade auf der Tournee mit Hidden Agenda Deluxe durch Holland in Weihnachtsstimmung. Was ist dabei der größte Unterschied zwischen Europa und Kanada?

Suzie: Es ist lustig, wir haben gerade heute darüber gesprochen. Bart-Jan [Baartman, Hidden-Agenda-Deluxe-Gitarrist] ist der Meinung, dass die Leute hier viel weniger Wert auf die Dekorationen legen, während das in Nordamerika zu einem echten Wettbewerb geworden ist, bei dem jeder seine Nachbarn übertrumpfen will, indem er noch mehr auffährt. Allerdings ist ihm auch aufgefallen, dass die Europäer inzwischen viel mehr dem amerikanischen Beispiel folgen. Gleichzeitig gibt es hier all diese Geschichten und Traditionen, die ich nicht kenne, wie den Sinterklaas hier in Holland. Ich frage dann die Jungs von Hidden Agenda Deluxe danach aus, weil ich die Unterschiede spannend finde und wissen will, was sich dahinter verbirgt (lacht)!

Gaesteliste.de: Letzte Frage: Was macht dich derzeit als Musikerin am glücklichsten?

Suzie: Ach du meine Güte! Natürlich mit Hidden Agenda Deluxe zu spielen (lacht)! Nein, im Ernst: Es gefällt mir, Leute zu finden, mit denen ich kollaborieren kann - vielleicht auch, weil ich so lange Zeit allein gearbeitet habe. Ich mag die Abgeschiedenheit zwar auch weiterhin und meine Songs schreibe ich auch nach wie vor zumeist allein, weil ich zu feige bin, dabei zu kollaborieren. Am meisten Freude macht es mir aber inzwischen, mit Leuten zusammenzuarbeiten, denen ich wirklich vertrauen kann.

Weitere Infos:
www.ohsusanna.com
facebook.com/ohsusannamusic/
twitter.com/ohsusannamusic
instagram/ohsusannamusic
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
Oh Susanna
Aktueller Tonträger:
Decemberly EP
(Stella Records)




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