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SOPHIE HUNGER
 
Poetische Wissenschaft
Sophie Hunger
Als Sophie Hunger vor etwa zehn Jahren mit ihrer zweiten LP "Monday's Ghost" international durchstartete, war die Welt noch insofern in Ordnung, als das es bis dato herkömmliche Strukturen im Musikbusiness gab und Schweizer Acts auch weitaus exotischer erschienen, als heute - wo Acts wie Me + Marie, Faber oder Mia Aegerter durchaus regelmäßig auch in unseren Breiten anzutreffen sind. Ihre Schweizer Wurzeln betonte Sophie im Folgenden auch dadurch, dass sie auf den folgenden Studioveröffentlichungen "1983", "The Danger Of Light" und "Supermoon" jeweils einen Song auf Schwytzerdütsch und einen auf Deutsch beisteuerte, während sie den Großteil ihrer Songs aber auf Englisch vortrug; wobei sich manchmal auch noch französische Chansons "einmischten". Damals erklärte Sophie, dass sie dabei Deutsch als ihre Muttersprache betrachte und es demzufolge als besondere Herausforderung sehe, Stücke auf Deutsch zu schreiben - da sie sich ja hier nicht hinter einer Sprache verstecken könne. Deswegen ist das eigentlich überraschende an Sophies neuem Album "Molecules" vielleicht gar nicht mal der Umstand, dass sie hier auf musikalischer Ebene verstärkt mit elektronischen Mitteln arbeitet, sondern dass sie sich entschlossen hat, konsequent alle Tracks auf Englisch einzusingen - dieses Mal mit dem Argument, sie habe zuletzt das Gefühl gehabt, sich hinter dem bisherigen, Multilingualen zu verstecken. Das ist ja dann doch ein Widerspruch, oder?
"Ich glaube einfach, dass beides irgendwie stimmt", überlegt Sophie, "ich habe angefangen mit dieser Vielsprachigkeit - aber dann irgendwann gemerkt, dass da eine interne Mumifizierung stattfindet und dass man dann eine bestimmte Rolle spielt. Ich dachte dann irgendwann, dass das ein Trick sei, den ich unbedingt anwenden müsse. Das ist das eine - und dann wollte ich mich natürlich dem Ganzen stellen. Ein ganzes Album auf Englisch zu schreiben bedeutet - blöd gesagt - dass man sich der englischen Musikrealität stellt und dann entweder wahr genommen wird, oder eben nicht. Das will ich jetzt wissen!" Das scheint aber ein spezifisch Schweizerisches Problem zu sein, über die Sprache nachzudenken, wenn man Musik machen will, oder? "Ja", bestätigt Sophie, "denn viele von uns wachsen vielsprachig auf. Es ist schon ein eigenartiges Land - so wenig Leute so viele Sprachen. Wir haben ja zum Teil von Dorf zu Dorf einen anderen Dialekt. Da kriegst du schon die Krise, wenn das eine oder andere Wort nicht so oder so ausgesprochen wird. Das ist schon ein wenig verrückt." Was hat es mit dem Cover-Foto auf sich? Es zeigt schon Sophie - aber in einem künstlerisch gestalteten Collagen-Umfeld. "Ich habe dem Grafiker gesagt, er soll im Richtung Konstruktivismus arbeiten", erklärt Sophie. Der Konstruktivismus ist eine gegenstandslose Kunstform, in der neben der Farbe auch andere Materialien zum Einsatz kommen. "Ja - und es gab gab viele Schweizer, die in dieser Richtung gearbeitet haben. Ich wollte das, weil mich das auch an dieses materialhafte erinnert hat, was ich im Sinn hatte. Die runden Punkte auf dem Cover erinnern dabei an die Moleküle und Atome, über die ich singe."
Vor einiger Zeit zog Sophie Hunger nach Berlin um - ein Trend, der insgesamt unter Musikern zunehmend zu beobachten ist. Wie kam es dazu? "Das war eigentlich ein Zufall", räumt Sophie ein, "ich wollte halt weg aus Zürich und Berlin ist für uns Deutsch-Schweizer das kulturelle Zentrum - wenn man das Deutsche als Kulturnation betrachtet. Ich hatte auch schon viele Freunde hier und mein Großvater, der ein Waisenkind war, ist in den 20er Jahren nach Berlin gezogen und hat Schauspiel studiert - bis die Nationalsozialisten die Macht übernahmen. Er war auch ein Sänger und ist ganz früh gestorben - war aber in meiner Familie so etwas wie ein Geist, der über allem schwebte und auch auf mich eine gewisse Faszination ausübte. Da habe ich mir dann halt irgendwann gesagt: 'Komm - der hat das ja auch gemacht." Auf dem neuen Album geht es musikalisch ganz schon elektronisch zu, denn bis auf ein bisschen Akustikgitarren verwendet Sophie hier hauptsächlich Synthesizer. Hat das vielleicht mit Sophies Umzug nach Berlin zu tun? "Ja, das hat tatsächlich mit Berlin zu tun", bestätigt Sophie, "ich bin hier nämlich sehr schnell in eine Clique von Leuten gekommen, die in Richtung Techno machen - und das war etwas, was mir vorher wirklich fremd war; bis hin zum abgestoßen sein. Ich habe dann aber angefangen, das zu lernen und durch die Schule in den USA war ich auch plötzlich in der Lage das herstellen zu können."

Klangtechnisch entwickelte Sophie so eine ganz neue Ästhetik. Aber deutete sich das nicht vielleicht sogar schon auf dem "Supermoon"-Album an, auf dem es ja auch schon elektronische Elemente gab? "Ja, da fing die Dissidenz an - wenn man das so sagen kann", bestätigt Sophie, "aber da hatte ich noch nicht die Mittel, das umsetzen zu können. Das war der Grund, warum ich diese Schule gemacht hatte - weil ich da weiter kommen wollte, denn bei 'Supermoon' ging es noch um irgendwelche Gitarreneffekte oder so etwas." Nun ist die Berliner Elektronik-Szene ja eher auf Club- und Dance-Musik ausgerichtet. Bei Sophie stehen aber doch nach wie vor eher die Songs im Vordergrund - und auch analoge Elemente gibt es nach wie vor, oder? "Ja, denn ich habe analoge Synthesizer verwendet und keine digitalen", erklärt Sophie, "das war mir wichtig, weil die so eine Art Willkürlichkeit haben. Es klingt nie gleich, was man damit spielt." Was war denn - musikalisch gesehen - die größte Herausforderung bei diesem Ansatz? "Ich würde sagen, das Fehlen der Band", überlegt Sophie, "wenn man eine Band hat, dann entsteht eine Dynamik im Zusammenspiel und wenn man einen Computer programmiert, dann kommt keine Information zurück. Es passiert immer nur das, was man selbst gemacht hat und es gibt keine Dialektik. Das war neu für mich - und dann auch die Instrumentierung. Es gab zwar viel Platz für die Stimme - aber fast schon zu viel. Wir haben von den Akkorden zudem darauf geachtet, dass es so wenig harmonische Informationen wie möglich gibt. Und dann sechs Wochen in einem Raum - das war ganz schön klaustrophobisch."

Wie wirkt sich die elektronische Herangehensweise denn auf die Live-Präsentation aus? Denn im Herbst steht ja gleich eine Tour an, auf der Sophie in mehreren Städten an jeweils drei aufeinanderfolgenden Abenden Konzerte in kleinen und mittelgroßen Clubs gibt. "Ja also ich habe jetzt erst mal eine neue Band", gesteht sie, "wir sind jetzt nur noch zu viert - mit zwei Rhythmusstationen, klassischem Jazz-Schlagzeug - wobei alle singen, drei Synthies spielen und ich einzig die akustische Gitarre. Und dann haben wir noch zwei, die auch Blasinstrumente spielen können, weil ich das auch behalten wollte. Das heißt also, dass die älteren Stücke alle umarrangiert werden müssen." Was hat es denn mit dem Konzept der "Sophie Hunger Festivals" auf sich? "Der Urgedanke war einfach, dass wir Spaß haben wollten", erläutert Sophie das Drei-Konzert-Konzept, "es ist aber natürlich irrational, das zu machen. Wir haben das aber vor fünf Jahren ein Mal in Berlin gemacht und das war dann die beste Woche meiner ganzen Tourvergangenheit. Es gibt aber auch einen intelligenteren Grund: Ich wusste ja dass ich eine neue Band habe und wollte einfach - wie bei einer Fußballmannschaft - viel Spielpraxis."

Sophie Hunger
Die Texte des neuen Albums wurden unter anderem von einer unschönen Trennungsgeschichte inspiriert, die Sophie nicht nur von ihrem damaligen Partner, sondern auch den Stiefkindern entfremdete. War es schwieriger, solche persönlichen Texte zu schreiben? "Nein - das zu schreiben war sehr einfach", berichtet Sophie, "ich kann mich aber an eine Situation im Studio erinnern, in der ich plötzlich nicht mehr intonieren konnte - und ich habe ansonsten noch nie Probleme mit dem Intonieren gehabt." Und das hing mit den Texten zusammen? "Ja - ich muss dazu sagen, dass die Situation im Studio auch eine Art Konfrontation war", führt Sophie aus, "denn das Studio bestand aus einem Raum und dort war ich sechs Wochen alleine mit dem Produzenten Dan Carey drin - ohne Band. Es gab dort so eine Situation, in der ich in eine Ecke singen musste, wo ich nicht mehr intonieren konnte. Ich bin fast durchgedreht und dann sind die Tränen geflossen und ich habe so ein bisschen die Fassung verloren." Wie übrigens an genau dieser Stelle des Gespräches auch - denn bis Sophie den Sinngehalt des vorangegangenen Satzes - mit vielen Pausen und Stichworten - zusammen hat, vergeht eine ganze Weile und es zeigt sich, dass sie das Thema durchaus immer noch beschäftigt. "Ja, denn das ist mir vorher noch nie passiert, dass das Leben und die Musik so dicht und ohne Abstraktionszeit beieinander liegen", gesteht Sophie, "und das war schwer." Wie hat Sophie das dann überwunden? "Es half, dass ich mit Dan Carey ein sehr freundschaftliches Verhältnis hatte", erzählt sie, "wir haben uns auch für die selben Sachen interessiert - Moleküle und so. Ich musste das dann mit ihm durchziehen. Es war nicht möglich für mich, mich da zu bestellen und er musste das über sich ergehen lassen." Womit wir dann bei dem Stück "The Actress" wären. Geht es hier um eine bestimmte Schauspielerin? "Nein - es geht um den Inbegriff der Schauspielerin", verneint Sophie, "und ich selbst bin ganz bestimmt auch keine Schauspielerin. Ich bin extrem unbegabt." Es gibt - neben den eher persönlichen Songs - aber auch politische Stücke wie "She Makes President" (ein Kommentar zur Wahl in den USA) auf dem Album. "Ja, das sind schon Sachen, die mich beschäftigt haben", gibt Sophie zu Protokoll, "nimm zum Beispiel 'Let It Come Down'. Darin geht es um den Gedanken, dass die Strukturen, die wir bisher als gegeben hingenommen haben, zerfallen und wir uns vielleicht sogar in einer Art Dekonstruktion befinden und wir etwas Neues daraus formen müssen. Und dabei sind wir wie in einem Laboratorium am Beginn des 21. Jahrhunderts und müssen mit neuen Technologien auf neue geopolitische Ziele hinarbeiten." Auf der anderen Seite sind da die besonders persönlichen und emotionalen Stücke wie "Cou Cou" - eine Art Kinder- oder Wiegenlied, wie es scheint. "Ja, ich spreche da zu meinen ehemaligen Stief-Kindern", erklärt Sophie mit Bezug auf die bereits angesprochene Trennungs-Geschichte, "ich habe das als Kinderlied angelegt und wer besonders aufmerksam ist, hört im Hintergrund noch die Spielzeug-Autos, die ich mit eingebunden habe."

Ein Stück, was aber durch alle Raster fällt, ist "I Opened A Bar" - denn hier singt Sophie von einer virtuellen Bar, in die sie alle möglichen Personen einlädt. "Das war so ein Abend, da war ich mit einem Kumpel in einer Bar und wir waren beide in einer ähnlichen Situation - nämlich dass unser Lebensentwurf auseinander gefallen war", erinnert sich Sophie, "das Gesamtkunstwerk war auseinandergefallen und wir standen jetzt vor diesen Einzelteilen und fragten uns, was wir wohl jetzt daraus bauen sollten. Und dann haben wir uns überlegt, dass wir eigentlich eine Lösung für alle Probleme bräuchten. Wir haben uns dann überlegt, dass man eine Bar aufmachen müsste, in der alle Menschen und alle Soldaten und alle Mikrowellen Platz fänden." Eine Bar des Lebens, also? "Ja - und am Ende auch noch das eigene Grab, zu dem dann die Mutter kommen kann. Eine kleine Parabel also." Erstaunlich, dass bei diesem ganzen philosophischen Überbau auf der einen Seite und die Konzentration auf eine elektronische Ausrichtung auf der anderen am Ende dennoch melodische, zugängliche Pop-Songs dabei herausgekommen sind - denn elektronische Musik ist ja ansonsten eher linear ausgerichtet. "Ja, das ist das, was ich vielleicht in diesem Kontext bieten konnte", überlegt Sophie, "denn ich bin ja nicht plötzlich eine Elektronikerin. Aber ich konnte diese elektronischen Instrumente mit meinem Songwriting kombinieren. Diese Kombination war schließlich das Resultat." Der Song stand also stets im Vordergrund? "Ja, denn einen guten Song will man einfach immer wieder hören", meint Sophie, "er bleibt aber immer auch offen und man kommt nie zum Schluss."

Weitere Infos:
sophiehunger.com
www.facebook.com/sophiehunger
twitter.com/sophiehunger
www.instagram.com/sophiehunger
www.youtube.com/user/sophiehungerofficial
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
Sophie Hunger
Aktueller Tonträger:
Molecules
(Caroline/Universal)




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