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LET'S EAT GRANDMA
 
Kommt drauf an
Let's Eat Grandma
Als Rosa Walton und Jenny Hollingsworth auf dem letztjährigen Haldern Pop Festival bei einem ihrer bislang seltenen Auftritte in unseren Breiten aufschlugen, mag sich wohl manch ein altgedienter Festivalgänge verwundert die Ohren gerieben haben. Nicht nur dass die jugendlichen Schwestern im Geiste (denn im richtigen Leben sind sie "nur" gute Freundinnen) aus Norwich mit einer Show verblüfften, wie es sie in dieser Form auch noch nicht gegeben hatte - auch das Material überraschte dann eher, denn die Tracks ihres bis dahin einzigen Albums "I, Gemini" waren nun wirklich nicht wiederzuerkennen. Was einen guten Grund hatte, wie sich nun herausstellte - denn bereits damals spielten Rosa und Jenny die Tracks ihres nun erst vorliegenden zweiten Werkes "I'm All Ears". Und diese klingen nun dann doch etwas anders als das zuvor angehäufte, eigenartige Hörspielmaterial des Debüt-Albums - was dann vermuten lässt, dass es sich dabei dann doch eher um eine Art Testballon gehandelt haben mag. Es ist dann vermutlich anzunehmen, dass es auf dem neuen Album um das Erwachsen werden geht? Denn als Rosa und Jenny anfingen, gemeinsam musikalisch zu experimentieren, waren sie gerade mal 13 Jahre alt - und heutzutage haben sie die 20 immer noch nicht ganz geschafft. "Absolut", bestätigt Rosa, "wir schreiben unsere Songs über das, was wir selbst erleben und es geht darum natürlich auch um unsere persönliche Weiterentwicklung."
Worum aber geht es musikalisch eigentlich? Auf "I, Gemini" gab es eine Art vertonter musikalischer Reise ins Märchenwunderland und auf "I'm All Ears" zeigen Rosa und Jenny, dass sie es ernst meinen und überraschen mit unberechenbaren, aber ausgeklügelten, innovativen Indie-Pop-Songs von zuweilen epischen Ausmaßen. Hier wie da überzeugen die Mädels als dynamisches Do-It-Yourself-Team. Nicht nur, dass sie alle Stücke selbst verfasst haben - auch die Instrumente bedienen die Damen alleine (und da sind dann so einige - neben diversen Keyboards unter anderem Drums, Saxophon und auf "I'm All Ears" verstärkt Gitarren - die man in einem solchen Zusammenhang gar nicht erwarten könnte). Die Frage ist nun: Wie schreibt man denn Songs wie diese? Auf traditionelle Art und Weise geht das wohl kaum? "Nein, wir schreiben viel mit dem Computer", erklärt dann Jenny auch demzufolge, "und auch mit Programmen und Loops. Am Anfang steht dabei immer eine Art Improvisation, in der wir uns die Bälle zuspielen." Zur Auflockerung tragen sicherlich auch die zahlreichen atmosphärischen Sounds bei, die über oder unter die Stücke gelegt werden. Das ging auf dem ersten Album zwar noch sehr viel deutlicher in Richtung Hörspiel - aber auch auf "I'm All Ears" gibt es diese noch - wie zum Beispiel Katzenschnurren oder die sanften Regengeräusche, die unter die verblüffend geradlinige Piano-Ballade "Ava" gelegt wurden. "Das hängt damit zusammen, dass ich ein Regen-Fan bin", erklärt Jenny, die das Stück auch singt, "ich schreibe auch gerne viel über Regen." Es gibt aber noch andere Gründe für die Inklusion von Field-Recordings. "Das gehört zum Song dazu", erklärt nämlich Rosa, "das macht es einfacher, einen Bezug zu dem Song aufzubauen, denn schließlich hat man ja auch im richtigen Leben Geräusche, die immer auch dazu gehören - vielleicht nicht so extreme, wie das Katzenschnurren - aber Regen-Geräusche sind ja oft Teil einer Geschichte."

Mal abgesehen von den Sound-Zutaten scheinen die Tracks auf der neuen Scheibe sehr viel konkreter ausgefallen zu sein als jene auf der ersten. Hier gibt es Themen, Geschichten und Charaktere, an denen sich die Hörer orientieren können. "Nun ja, unser Verhältnis zum Songwriting hat sich ja auch geändert", gibt Rosa zum Protokoll. "Es hängt damit zusammen, dass ich heute auch keine Angst mehr habe, das, was ich denke, auch klar auszusprechen", überlegt Jenny, "das macht es dem Zuhörer dann auch einfacher, dem Song zu folgen, als wenn wir dieses, wie auf dem ersten Album alles weiter kryptisch verklausulieren würden." Das heißt also, dass Rosa und Jenny heutzutage sozusagen ehrlicher sind? "Das kommt drauf an", meint Jenny einschränkend, "ich finde, es ist wichtig, echte Emotionen zu zeigen. Wir würden zum Beispiel niemals Emotionen erfinden - aber es gibt zum Beispiel keinen realen Charakter namens Ava, auf den wir uns in dem Song beziehen." Aber im wesentlichen geht es doch um das eigene Erleben und Empfinden, oder? "Ja, klar", erklärt Rosa, "wir haben ja in den vergangenen zwei Jahren viel erlebt und darüber schreiben wir auch."

Let's Eat Grandma
Nun sind die Mädels ja noch ziemlich jung. Ist die Musik denn das, was sie ihr ganzes Leben lang machen möchten? "Sagen wir mal so", überlegt Rosa, "ich möchte alle möglichen Dinge ein Mal ausprobieren, aber im Moment ist die Musik das, was mir am meisten Freude bereitet." In kreativer Hinsicht funktionieren Jenny & Rosa stets als Team - auch wenn sie Wert darauf legen, ihr "Zwillings"-Image, das ihnen mit der ersten LP angedichtet wurde, wieder loszuwerden. Wie zum Beispiel auch an den hinreißend spinnerten Live-Shows zu erkennen ist. Dort sind die Damen perfekt aufeinander abgestimmt - und ignorieren das Publikum dabei sogar bewusst. "Das kommt drauf an", schränkt Jenny zum wiederholten Male ein, "es hängt von den Songs ab. Es gibt tatsächlich Stücke, bei denen wir das Publikum ignorieren. Aber dann gibt es auch Tracks wie 'Donnie Darko' - das ist ein Song, den wir schon seit zwei Jahren spielen - bei denen ich zum Beispiel ins Publikum gehe und die Leute direkt ansinge. Es hat mit der Dramaturgie zu tun." Hilft es dabei, ein wenig crazy zu sein und die Musik größer als das Leben zu inszenieren? Während Rosa diese Frage zögerlich lächelnd bejaht, hat Jenny wieder bedenken. "Das kommt drauf an", meint sie nämlich nicht eben überraschend, "es gibt sicherlich Acts, die ihre ganze Performance größer als das Leben auf der Bühne inszenieren. Und manchmal tun wir das ja auch. Aber es gibt auch Seiten an uns, wo wir uns sehr zurücknehmen können. Vielleicht nicht in konventioneller Hinsicht - aber wir sind durchaus in der Lage, emotionale Songs ernsthaft und geradlinig vorzutragen." Was sicherlich auch mit der Struktur der Stücke zusammen hängt. Und hier haben Let’s Eat Grandma ja sozusagen alles zu bieten, was das Herz begehrt - vom knackigen Pop-Song, über artifizielle, avantgardistische Experimente bis zum psychedelisch aufgedröselten Monster-Epos - mit den angesprochenen geradlinigen No-Nonsense-Songs zwischendrin. Wie viel kommt dabei eigentlich von Jenny und Rosa selbst und was trägt der Produzent dazu bei (im Falle von "I'm All Ears" ist das David Wrench). "Im großen und ganzen wissen wir schon sehr genau, was wir wollen", erklärt Rosa, "mit David Wrench haben wir uns aber sehr gut verstanden, weil er genau weiß, was wir wollen." "Wir legen Wert darauf, alles soweit fertig zu haben, wenn wir ins Studio gehen", führt Jenny aus, "zum Beispiel haben wir einige Elemente sogar von unseren Demos übernommen. Während wir also sehr genau wissen, was wir wollen, ist David Wrench auf der technischen Ebene sehr gut. Er ermöglicht uns dann, unsere Vorstellungen zu realisieren, denn wir wissen noch nicht so recht, wie man das alles technisch umsetzen muss. Zum Beispiel ist das so, dass wir ihm beschreiben, wie etwas klingen soll und er dann sagt: 'Da habe ich genau das Richtige für euch!' und uns einen bestimmten coolen Synthesizer oder Bass vorschlägt." Heißt das dann, dass Jenny und Rosa alle Instrumente selbst spielen? "Ja, wir haben auf der Scheibe alles selbst gespielt", bestätigt Rosa, "auch das Schlagzeug. Live spielen wir jetzt eigentlich nur mit einer Drummerin, weil wir dann mehr andere Sachen selbst machen können." Ist das eine Notwendigkeit, alles selbst zu machen? "Das kommt auf das Projekt an", erklärt Jenny. "für dieses Projekt fühlte es sich richtig an. Wir haben ja alle Parts selbst geschrieben und deswegen war es auch logisch, dass wir sie selbst spielen wollten. Es ist halt die Art, in der wir arbeiten und mit der wir uns am wohlsten fühlen. Warum sollen wir Session-Musiker einsetzen, wenn wir sie nicht wirklich brauchen? Es gibt aber auf der anderen Seite auch viele Scheiben, die ich mag, auf denen der- oder diejenige, die es geschrieben haben, es nicht selbst spielen."
Let's Eat Grandma
So kommt es dann, dass die Stücke von Let's Eat Grandma extrem vielschichtig geraten können - sowohl strukturell, wie auch die Instrumentierung betreffend. Was macht dann im Kern einen guten Song aus? "Das ist schwer zu sagen, weil so viele verschiedene Ideen in die Songs einfließen", zögert Rosa. Für Jenny freilich kommt es wieder mal darauf an: "Ich mag es, wenn ein Song catchy ist", überlegt sie, "damit meine ich nicht catchy wie ein Pop-Song, sondern dass der Song irgendwelche Elemente enthält, an die man sich als Zuhörer erinnern kann. Das muss nicht der ganze Song sein - aber wir achten drauf, dass in jedem Stück zumindest mitreißende Passagen enthalten sind." Hier ist es noch wichtig, darauf hinzuweisen, dass wir jetzt von der neuen LP sprechen, denn das galt sicherlich nicht für die Anfangszeit, in der die Stücke ja zuweilen eher nach Hörspielen, als nach Songs klingen. "Das waren sie ja auch", erklärt Rosa, "wir hatten ursprünglich ja gar nicht vor, aus dem Material eine LP zu machen und haben die Songs eher für uns selbst zusammengebastelt und dabei alles mögliche ausprobiert." Das mal alles eingedenk klingen auch die neuen Songs immer noch verspielt und unbeschwert - auch was den Mix der Stile angeht. Was betrachten Jenny und Rosa denn als Herausforderung in ihrem Beruf? "Es ist manchmal schwierig das, was man sich im Kopf vorgestellt hat, auch zu realisieren", erklärt Jenny. "Ich finde es schwierig, längere Zeit von zu Hause und den Leuten, die mich umgeben fern zu bleiben", überlegt Rosa, "wenn man sich in einer Tour-Blase befindet." Gibt es denn eine Art Vision, die die Mädels anstreben? "Also wir haben da keine speziellen, massiven Pläne", räumt Rosa ein, "aber es gibt schon einzelne Ideen, die wir gerne mal ausprobieren möchten. Ich meine, es ist ja noch nicht so lange her, seit wir diese Songs geschrieben haben."

Wie kam es denn zu Kollaborationen auf dem neuen Album - wie z.B. mit Faris Badwan von The Horrors oder Sophie bei der Vorab-Single "Hot Pink"? "Wir waren ursprünglich eigentlich gegen Kollaborationen", erklärt Rosa, "wir waren diesbezüglich ziemlich nervös, weil wir dachten, dass man dann zu leicht vermuten könnte, dass wir bei unseren eigenen Songs nichts zu sagen hätten - was natürlich nicht richtig ist, denn wir haben ein ganzes Album zuvor und das meiste auf dem neuen Album selbst geschrieben und eingespielt. Es ist aber dennoch so, dass die Leute, mit denen man dann zusammen arbeitet, die Lorbeeren für sich einsammeln. Nicht allerdings Faris und Sophie - und deswegen haben wir ja auch mit ihnen zusammen gearbeitet. Auch, weil wir mal etwas neues ausprobieren wollten." "Es ist immer gut, seinen Horizont zu erweitern", fügt Jenny hinzu, "man lernt so ja auch neue Techniken und kommt auf andere Ideen." "Ich denke auch, dass die Leute heute ja auch wissen, dass wir alles selber machen", ergänzt Rosa neu, "wir schreiben Songs schon so lange zusammen, dass ich denke, dass wir unseren eigenen Sound haben." Was ist Jenny und Rosa denn besonders wichtig bei dem neuen Album? "Ich denke, dass alle Songs irgendwo bedeutungsvoll sind", überlegt Jenny, "und ich denke auch, dass es als Album gut funktioniert. Ich könnte mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass noch andere Songs darauf wären oder das wir etwas hätten weglassen können. Es ist auch oft so, dass Leute, die gerade eine Scheibe fertiggestellt haben sagen, dass sie dieses und jenes anders hätten machen sollen. Dieses Gefühl habe ich mit 'I'm All Ears' überhaupt nicht. Ich würde nichts ändern." "Ja, das Album ist so abwechslungsreich und fast so viele Dinge zusammen, dass wir sagen können, dass das absolut uns selbst repräsentiert", erklärt Rosa.

Es ist ja fast schon ungewöhnlich, dass junge Frauen ihrer Generation überhaupt noch in Kategorien wie "Alben" denken. "Mit der ganzen Streaming-Sache denken die Leute heutzutage ja tatsächlich nicht an Alben im klassischen Sinne", überlegt Jenny, "ich versuche aber, Musik im Album-Format zu hören und nichts auszulassen. Meine Playlists bestehen aus kompletten Alben - nicht einzelnen Songs. Ich finde das sehr wichtig, denn es bringt dich in eine ganz andere Stimmung. Ich meine: Wie will man alleine in drei Minuten die Leute auf eine emotionale Reise mitnehmen?" "Ja, genau - man kann mit einem Song zwar beginnen, es ist aber einfacher, wenn man 50 Minuten zur Verfügung hat", gibt Rosa zu Protokoll. "Vielleicht sollte man auch den Begriff Pop-Musik ausweiten", überlegt Jenny gar, "ich denke nämlich, dass auf unserem Album durchaus gute Pop-Songs sind, die länger als drei Minuten sind - auch mal zehn Minuten oder länger." Kommt halt drauf an...

Weitere Infos:
letseatgrandma.co.uk
www.facebook.com/thelegofgrandma
www.youtube.com/watch?v=ycL6V3W956w&list=PLMAMCQPLZoRTMVg_ep4Ltk7GJzVMxKvHa
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-
Let's Eat Grandma
Aktueller Tonträger:
I'm All Ears
(Transgressive/Pias Cooperative/Rough Trade)




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