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COURTNEY MARIE ANDREWS
 
Das Streben nach Magie und Güte
Courtney Marie Andrews
"May Your Kindness Remain" heißt das phänomenale neue Album von Courtney Marie Andrews, mit dem die amerikanische Singer/Songwriterin mit der bittersüßen Wahnsinnsstimme weniger als anderthalb Jahre nach ihrer letzten Großtat "Honest Life" mit Empathie statt Nostalgie einen weiteren Satz Richtung Americana-Olymp macht und sich dabei inzwischen locker mit eigentlich unantastbaren Legenden wie Emmylou Harris messen kann.
Courtney Marie Andrews
Courtney ist gerade einmal 27 Jahre alt, aber ihre Biografie liest sich bisweilen wie die einer Veteranin, die schon seit Jahrzehnten ihre Runden durch das Musikbusiness dreht: "May Your Kindness Remain" ist bereits ihr siebtes Soloalbum, seit sie bereits mit 16 von zu Hause weg ist, dazu kommen Studio- und Konzert-Jobs als Backup-Sängerin und Leadgitarristin, mit denen sie alles zwischen Alternative Rock (Jimmy Eat World), Indie-Folk (Damien Jurado) bis zu Pop (Milow) abdeckte, und immer wieder endlose Konzertreisen, sodass sie inzwischen selbst in großen Metropolen ohne rot zu werden behaupten kann, in jedem Schuppen der Stadt aufgetreten zu sein. Dabei hat sie ihre Karriere eigentlich viele Jahre gar nicht also solche betrachtet, sondern eher als spannendes Abenteuer gesehen. "Wenn ich als Backingsängerin gearbeitet habe, hatte ich natürlich eine bestimmte, zugewiesene Rolle zu spielen, aber selbst dann habe ich mich nie davon runterziehen lassen, sondern habe mich gefreut, dass ich mit dabei sein durfte", sagt sie rückblickend.

Trotzdem kam irgendwann der Punkt, an dem die Musik für sie zumindest ein Stück weit zum Geschäft wurde, doch das ist noch gar nicht so lange her. "Eigentlich hatte ich erst bei 'Honest Life' das Gefühl, dass es etwas Business-mäßiger wurde, ganz einfach deshalb, weil ich für das Album erstmals ein echtes Team um mich herum hatte und ein ganzes Jahr im Voraus verplante", erklärt sie. All ihre Erfahrungen der letzten zehn, elf Jahre spiegeln sich auch in "May Your Kindness Remain" wider, wenn sie jenseits von Oldschool-Country-Seligkeit, feingliedrigem Folk und Indie-Attitüde neue Inspirationsquellen anzapft und aus der Mitte eines tief gespaltenen Landes erfreulich klischeefreie Dramen inszeniert, die stets emotionsgeladen, aber nie gefühlsduselig sind.

Hört man ihre Musik, kann man sich lebhaft vorstellen, dass Klein-Courtney schon im Kindesalter die elterlichen Platten von Linda Ronstadt oder Glen Campbell gehört hat, die beide wie sie aus Arizona stammen, doch das könnte nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. Zwar entflammte bei ihr schon früh eine Liebe für Musicals - ihre Tante nahm sie mit in die Vorstellungen, die sich Courtneys alleinerziehende Mutter nicht leisten konnte -, aber ihre ersten musikalischen Gehversuche machte sie auf ganz anderem Terrain. "Wenn du in Phoenix aufgewachsen bist und alternativ sein wolltest, dann warst du Punk", erzählte Courtney vor einigen Monaten einem englischen Kollegen. "Ich liebte Bikini Kill und wollte eine feministische Punkrockerin wie Kathleen Hanna sein. Ich liebte Bands mit Frontfrauen wie The Distillers und fand Brody Dalle unglaublich. Gleichzeitig mochte ich auch die Klassiker wie The Clash oder die Ramones, aber Bikini Kill waren der Gipfel dessen, was ich tun wollte." Doch ihre Punk-Band Massacre In A Mini Skirt hielt nicht lange, denn schnell wurde ihr bewusst, dass ihr Storytelling-Songs wichtiger waren als reine Slogans.

Auch auf "May Your Kindness Remain" stehen statt plakativer Verallgemeinerungen die persönlichen Geschichten im Vordergrund. Das Thema ist klar: Es geht um die bisweilen übermenschlich anmutenden Krisen und Herausforderungen, denen sich die Menschen derzeit nicht nur in den USA ob der immer weiter fortschreitenden Perspektivlosigkeit stellen müssen. Mit ihren Liedern begibt sich Courtney zumeist in die Rolle der klugen Beobachterin und beweist dabei ein ums andere Mal ein goldenes Händchen dafür, den alltäglichen Überlebenskampf in poetischen, aber dennoch nicht geschönten Worte zu beschreiben, ganz egal, ob sie Depressionen und Vereinsamung, Arbeitslosigkeit und Armut oder gar Gentrifizierung in den Mittelpunkt stellt. Natürlich scheuen sich derzeit auch viele ähnlich motivierte Künstlerinnen nicht, heiße Eisen anzufassen, der Unterschied ist allerdings, dass Courtneys Texte nie aufgesetzt oder gar gestelzt daherkommen, sondern genauso natürlich, wie sie ihr tatsächlich aus der Feder fließen. "Ich bin einfach sehr empfindsam", sagt Courtney mit einem Schulterzucken über ihr nicht existentes Erfolgsgeheimnis und muss lachen. "Wenn mir jemand eine Geschichte erzählt, die bemerkenswert ist, kann ich mich oft mit meinem ganzen Körper in die Situation einfühlen und sie praktisch selbst erleben. In meinen persönlichen Beziehungen ist das nicht immer von Vorteil, aber fürs Songschreiben ist das eine tolle Sache! Manchmal fällt mir mitten in einem Gespräch ein Satz auf, der mir wirklich nahegeht und aus dem dann ein Song entsteht, aber viel häufiger ist das Ganze eher eine Reflexion. Oft wird mir erst viel später klar, was der ursprüngliche Auslöser für einen Song gewesen ist."

Mit "May Your Kindness Remain" liefert Courtney aber mehr als nur Zustandsbeschreibungen in leuchtenden Bildern ab. Gleichzeitig sind viele ihrer neuen Lieder auch ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit. Speziell der Song "Kindness Of Strangers" ist ein Aufruf, nach mehr Güte in sich selbst und in Fremden zu suchen. Einem englischen Kollegen erklärte sie das unlängst wie folgt: "Ich bin nicht religiös, aber nach vielen Jahren habe ich realisiert, dass Güte mein moralischer Kompass ist. Das ist nicht immer leicht, denn natürlich bin ich mir der Mängel der Menschen, meiner eigenen und der anderer, bewusst. Ich denke aber auch, dass es etwas Erstrebenswertes ist: Manche streben nach Gott, ich nach Güte. In Momenten der totalen Verzweiflung ist selbst ein Lächeln im Supermarkt ein Trost. Besonders als Musikerin bist du oft weit weg von den Menschen, fühlst dich isoliert und allein. Musiker leben buchstäblich von der Güte Fremder."

Entstanden ist das neue Album anders als seine Vorgänger in Los Angeles, und die Stadt, die die Spaltung Amerikas derzeit vielleicht so gut wie keine andere verdeutlicht, hinterließ in den Songs und in den Aufnahmen auch ihre Spuren. "Ich mag es, meine Platten dort einzuspielen, wo ich am meisten Zeit verbringe", verrät Courtney. "Daher habe ich in der Vergangenheit auch in Phoenix und Seattle aufgenommen. Dieses Mal wusste ich, dass ich gerne eine Platte in Los Angeles machen würde, und habe deshalb auch die meisten Songs dort geschrieben. Es ergab einfach Sinn für mich! Die Rocksongs haben wir tagsüber aufgenommen, wenn die Sonne zum Fenster hereinschien, und abends, nach Sonnenuntergang, haben wir uns dann die Balladen vorgenommen."

Courtney Marie Andrews
Eingespielt wurden die Lieder von Courtney und ihrer langjährigen Live-Band innerhalb von nur acht Tagen in einem zum Wohnhaus umfunktionierten Studio, von dem aus Courtney praktisch sehen konnte, wie nötig ihre Lieder derzeit sind. "Der Ort, an dem wir aufgenommen haben, war in der Tat geradezu symbolisch", bestätigt sie. "Wir nahmen in einem Haus auf, von dem aus man Los Angeles komplett überblicken konnte, die schäbigen Viertel genauso wie die tollen Ecken. Die Armut wie der Reichtum lagen direkt vor uns, und das passte perfekt zu den Texten der Platte." Dennoch sieht sich Courtney in erster Linie als Songwriterin und nicht als Journalistin oder Soziologin. "Für 'May Your Kindness Remain' war es mir wichtig, einige aktuelle Themen zu verarbeiten, deshalb habe ich mich bewusst ein bisschen mehr darauf gestürzt, aber vor allem steht für mich als Songwriterin im Vordergrund, verschiedene Stile zu erkunden und mit der Wahl der Themen meinen Horizont zu erweitern", unterstreicht sie. "All meine Lieblingsautoren haben das stets getan, und am Ende des Tages ist mir das Schreiben das Wichtigste."

Doch so sehr das neue Album musikalisch eine bemerkenswert konsequente künstlerische Weiterentwicklung der vorangegangenen Platten ist, ging Courtney doch auch bewusst neue Wege und öffnete sich mehr als je zuvor Einflüssen aus Soul und Gospel. Neu ist ihre Begeisterung für diesen Sound allerdings nicht. "Ich bin schon immer von Aretha Franklin fasziniert gewesen und bin sehr von Soul und Blues und der Art des gefühlsbetonten, lebhaften Gesangs beeinflusst gewesen, den man dort findet", erzählt sie. "Dass meine neuen Songs das stärker reflektieren, passierte ganz natürlich. Als ich letztes Jahr mit meiner Band spielte, hatten wir plötzlich eine Reihe Songs, die gesanglich in diese Richtung deuteten."

Gleichzeitig hatte sie bei den Aufnahmen für die neue LP nach sieben in Eigenregie produzierten Platten erstmals einen Produzenten an ihrer Seite, der ihre Vorstellungen perfekt umzusetzen wusste. Mark Howard war fast 25 Jahre lang die rechte Hand von Großmeister Daniel Lanois, und der unvergleichlich rustikale Breitwand-Ambient-Sound, den Howard mit und ohne Lanois über die Jahre auf preisgekrönten und von den Kritikern gefeierten Platten von Bob Dylan, Lucinda Williams, Emmylou Harris oder Tom Waits verfeinert hat, kennzeichnet nun auch viele Songs auf "May Your Kindness Remain". Doch wählte Courtney den Partner am Mischpult aus, weil sie eine stärker soul- und gospel-beeinflusste Platte machen wollte, oder war es ihr Produzent, der diese Seite bei den Sessions mehr in den Vordergrund gerückt hat? "Ich denke, es war ein bisschen von beidem", erwidert Courtney. "Schon bevor ich Mark kontaktierte, wusste ich, dass ich unbedingt Gospelgesang auf der Platte haben wollte. Mark war vor allem gut darin, ganz spontan die besten Performances aus mir und der Band herauszukitzeln. Er hat uns aufgefordert, nicht immer gleich unserer ersten Eingebung zu vertrauen. Das hat ihn so wertvoll für diese Platte gemacht. Es ging ihm darum, die Spontaneität unserer Reaktionen aufeinander einzufangen, wenn wir etwas Neues ausprobierten. Genau danach hatte ich gesucht. Ich wollte mit jemandem zusammenarbeiten, der mich herausfordert und mich klanglich auf neue Ideen bringt."

Deshalb gab es bei den Aufnahmen gleich eine ganze Reihe Lieder, die Courtney und ihre Mitstreiter überraschten, weil sie im Studio ganz neue, unerwartete Formen annahmen. "'Took You Up' klang völlig anders, bevor wir ins Studio gingen", erinnert sie sich. "Das war eher eine Midtempo-Ballade, und nicht die klassische Ballade, die später daraus wurde. Wir spielten das Lied im Studio und es war alles da, aber irgendwie spürten wir, dass die besondere Magie fehlte. Genau darum ging es uns aber: uns in die Songs gemeinsam als Gruppe einzufühlen. Immer, wenn wir merkten, dass unsere Ideen nicht zündeten, haben wir uns mit Mark zusammengesetzt und überlegt, was wir verändern könnten: 'Warum versuchen wir es nicht mal am Klavier?' So kam zum Beispiel 'Rough Around The Edges' zustande."

Das Gefühl, damit das Ruder aus der Hand zu geben, hatte Courtney derweil nicht. Zum einen ist bei einer Reihe Songs auch weiterhin ihre eigene Handschrift klar erkennbar - weshalb sie auch als Co-Produzentin genannt wird -, zum anderen war ihre Neugier darauf, was mit externer Unterstützung möglich sein würde, einfach stärker. "Bei dieser Platte stand für mich im Vordergrund, die Karten neu zu mischen und keine Angst davor zu haben, neue Wege zu gehen", bestätigt sie. "Ich weiß, wozu ich in der Lage bin und wie weit ich allein kommen kann, aber manchmal brauchst du einfach die Ohren eines anderen, um deine Ideen auch tatsächlich umzusetzen. Oft geht es dabei auch einfach um Unterstützung. Als ich 'Honest Life' und die Platten davor gemacht habe, hatte ich nie das Geld, einen Produzenten zu engagieren. Das war einfach keine Option. Jetzt habe ich mehr Möglichkeiten und Zugang zu Produzenten wie Mark Howard, und deshalb habe ich das einfach ausprobiert."

Courtney Marie Andrews
Das Ergebnis ist eine Platte, die auf ähnlichen Tugenden fußt wie der Vorgänger "Honest Life" - auch dieses Mal wurden die Lieder live und ohne den berüchtigten Clicktrack eingespielt -, wenngleich der dezente 70er-Jahre-Touch dieses Mal etwas gewichen ist, was Courtney etwas überraschend als "modernen Ansatz" beschreibt. "Nun, 'Honest Life' fühlte sich für mich so rau an, dass mir dieses Mal etwas Moderneres vorschwebte", verdeutlicht sie. "Letztlich geht es mir aber immer darum, zeitlose Musik zu machen. All meine Lieblingsplatten zeichnen sich dadurch aus, dass man sie klanglich keiner bestimmten Ära zuordnen kann, und das ist auch immer mein Ziel." Ganz klassisch sind auch die Läden, in denen Courtney ihre Konzerte am liebsten spielt. "Ich mag alte Theater, in denen die Songs voll zur Geltung kommen können", sagt sie. "Nicht so gerne spiele ich dagegen in Venues, die einen starken natürlichen Hall haben, weil dann die Texte nicht gut zu verstehen sind. Mir gefallen Säle, die eine gewisse Wärme ausstrahlen, aber trotzdem einen sehr trockenen Raumklang haben, denn dort funktionieren sowohl die Balladen als auch die Rocksongs. Das findet man zumeist in alten Theatern." Sie hält inne und lacht. "Ich mag es allerdings auch, wenn die Leute nicht sitzen, aber diese Kombination ist gar nicht so leicht zu finden!"

In der Tat ist es auffällig, wie echt und ungefiltert Courtneys Stimme nicht nur auf Platte, sondern auch bei ihren Konzerten klingt. Wo andere Singer/Songwriter ihren Gesang unter Hall und anderen Effekten begraben, sodass man selbst in der ersten Reihe das Gefühl hat, sie seien kilometerweit entfernt, klingt Courtney stets so, als stünde sie direkt neben dem Hörer. "Ich denke, viele Künstler benutzen heute Effekte für ihre Stimmen, um ihre Defizite beim Texten, beim Songwriting zu kaschieren", sinniert sie. "Mir dagegen liegen die Songs so sehr am Herzen, dass ich alles dafür tue, dass sie auch gehört werden!"

Tatsächlich stößt Courtney mit ihrer Musik jetzt auf ein immer breiteres Echo. Gerade in Großbritannien genießt sie inzwischen Kultstatus. So konnte sie sich unlängst über die Auszeichnung als "Beste internationale Künstlerin" bei den Americana Awards freuen, wenngleich ihr natürlich bewusst ist, dass solche Preise stets ein zweischneidiges Schwert sind. "Es ist ein gutes Gefühl, als Künstlerin wahrgenommen und anerkannt zu werden, aber wie so oft ist es wichtig, die richtige Balance zu finden", sagt sie, bevor sie abschließend lachend hinzufügt: "Ein bisschen Anerkennung ist schon prima, aber zu viel davon und du läufst Gefahr, dass dein Kopf explodiert!"

Weitere Infos:
www.courtneymarieandrews.com
facebook.com/CourtneyMarieAndrews
courtneymarieandrews.bandcamp.com
en.wikipedia.org/wiki/Courtney_Marie_Andrews
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Laura E. Partain-
Courtney Marie Andrews
Aktueller Tonträger:
May Your Kindness Remain
(Loose/Rough Trade)




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