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Musikalische Schnitzeljagd

Take Root Festival

Assen, De Smelt
04.10.2003

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Cracker
Das Take Root Festival in Assen (NL) ist inzwischen ja so etwas wie die sichere Bank für alle Amerikana-Freunde geworden. Nur dort bekommt der Freund des Genres eine ausgewogene Mischung von Singer-Songwritern und andererseits Band-Auftritte von Acts geboten, die aufgrund der unsicheren Gemengelage was Zuschauerzahlen bei uns betrifft, es eben nur ins Holländische schaffen. Das Ganze ist unterteilt in eine Haupthalle und einen kleineren Raum, in dem die Solo-Künstler auftreten. Da das Festival ordentlich (fast zu ordentlich) durchorganisiert ist, kann man aber selbst bei geschicktem Timing vor Ort nicht alles mitbekommen, wie unser Gast-Reporter Peter Pricken am eigenen Leibe erfahren musste, der neben musikalischem Stehvermögen auch sportliche Eigenschaften auf der Hatz nach dem gewünschten Act aufweisen musste...
Schon zu Beginn musste eine Entscheidung zwischen Jon Dee Graham und Kelly Pardekooper getroffen werden, die zeitgleich auftraten - der eine in der Acoustic Hall, der andere in der Main Hall. Kelly Pardekooper & Band meisterten die Aufgabe des Openers mit Bravour. Teddy Morgan, der noch im Juli mit eigener Band durch die Niederlande getourt war, und der auch das letzte Album von Kelly Pardekooper mitproduzierte, überzeugte an der Lead-Guitar. Durch seine virtuose Gitarrenbearbeitung und durch das Spielen fünf eigener Songs während des Auftritts verstand es Teddy Morgan, einen bleibenden Eindruck beim Publikum zu hinterlassen. Den Auftritt von Grey De Lisle & Band verpassten wir komplett, da Tim Easton zeitgleich auf der akustischen Bühne begann. Der wirkte anfangs etwas verloren auf dem Podium - was wohl auch an dem Umstand lag, dass es noch früher Nachmittag und somit der Saal lichtdurchflutet war. Seine langjährige Routine als Straßenmusiker ließ ihn auch diese Situation beherrschen. Er bot neben den meisten Stücken aus seiner neuen Scheibe "Break Your Mother's Heart" auch seinen älteren Erfolgssong "Special 20" dar. Nach einem kurzen Blick auf die bemerkenswert anämisch aussehende Sandy Dillon, die mit Piano und einem obskuren Rhythmusinstrument auf demselben sowie einem Gitarristen angereist war und anfangs mit technischen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, flugs wieder in die Haupthalle: Hier bereiteten sich die Resentments auf ihren Auftritt vor. Jon Dee Graham (der Anfangs auch in der akustischen Halle spielte), Bruce Hughes, "Scrappy" Jud Newcomb und Stephen Bruton spielen seit Jahr und Tag in Austin samstags gemeinsam ihre Mischung aus Countryblues und R&B. Solcherart routiniertes Miteinander zahlt sich natürlich aus: Die vier Herren boten - begleitet von ihrem neuen Drummer und den jeweils übrigen Mitspielern - abwechselnd und immer schön der Reihe nach Beispiele ihres Könnens. Und das in einer Atmosphäre, die lockerer nicht hätte sein können. Hervorzuheben sei hier noch der Bassist Bruce Hughes, der nicht nur britisch aussieht, sondern auch so singt, und dessen Stücke daher schon leicht im Gruppenrepertoire hervorstachen, was übrigens auch auf der aktuellen Studio-CD (der ersten nach einer Live-Scheibe) der Resentments nachzuhören ist.

Zurück in der Acoustic Hall fand sich auf dem Podium Mia Doi Todd, die mit sanft und unspektakulär gespielter Gitarre und einer weichen, vollen Stimme das Publikum derart fesselte, dass die berühmte Stecknadel zu hören gewesen wäre (also nicht die im Heuhaufen, sondern die, die fällt). Ein Phänomen, das nicht sehr oft bei Auftritten von Musikern (nicht nur) in den Niederlanden beobachtet werden kann. Nach einem kurzen Vorbeischauen bei Dayna Kurtz & Band auf einer der Hauptbühnen wieder zurück im akustischen Saal: Hier brauchte Vic Chesnutt sehr lange, bis er mit allen Einstellungen seiner Geräte zufrieden war. Beeindruckend wirkte sein Vortrag wieder einmal vor allem ob der intensiven Hingabe, mit der er seine Stücke auslebte. Mit Begleitband kann er ja sowieso musikalisch überzeugen, was er ja beim diesjährigen Orange Blossom Special bewiesen hat. Auf der Bühne 1 im großen Saal hatten Cracker ihren Auftritt schon begonnen. Sie, die ihre komplette Europa-Tour vor kurzem absagten, waren tatsächlich gekommen! Anfangs bereitete es David Lowery & Co. wohl etwas Mühe, richtig in Gang zu kommen. Doch nach einer Viertelstunde war das Eis gebrochen und Cracker rockten, was das Zeug und ihr letztes Album "Forever" hergaben. (Was eine Spitzenleistung ist, angesichts der Tatsache, dass dieses ein gefaktes Country-Album war). Der Auftritt von Stuurbaard Bakkebaard gab denn doch einige Rätsel auf. Was hatte die Veranstalter bewogen, diese Herren einzuladen? Waren sie gar als Ersatz für David Munyon eingesprungen, der seine lange vorbereitete Europa-Tournee in letzter Minute aus gesundheitlichen Gründen absagen musste? Ihre Mischung aus Folk und Comedy wurde begleitet von einem stets verzerrten Gesang.

Schnell zurück in die Haupthalle, wo die Walkabouts gerade etwas ungelenk angekündigt werden. Die Frage nach den Cowboyhüten wird von Chris Eckman denn auch kurz abgetan: "We don't wear hats, dude!" Die Band schöpft aus ihrem reichhaltigen Fundus an Songs, von "Rebecca Wild" über "The Light Will Stay On", "Night Drive", "Ended Up A Stranger" bis "Bordertown" - praktisch wurde also gemäß des Mottos der "Best Of"-Tour die ganze Karriere beackert. Eines hat sich gegenüber früher indes doch stark geändert: Chris Eckman gilt im Freundeskreis nicht zu unrecht als geborener Geschichtenerzähler. Früher lebte er diese Ader auch auf der Bühne mit Gusto auf. Der Auftritt in Assen lief hingegen fast ohne Zwischenbemerkungen ab - ganz auf die Musik konzentriert und auf die inzwischen reichhaltigen Arrangements ihrer Songs beschränkt. Es bleibt der Eindruck, als benötigte die Band mehr Zeit, als ihr im Rahmen eines Festivals zur Verfügung steht, um sich auch gefühlsmäßig dem Publikum anzunähern (was sich auf der anschließenden Tour bestätigte). Trotzdem war dies ein großer Auftritt, der von vielen als bester Act des Festivals bewertet wurde. Aber jetzt schnell zum akustischen Podium, um den Auftritt von David Olney nicht zu verpassen. Das hatten sich anscheinend viele vorgenommen, denn der Saal war brechend voll.

Neben der Bühne stand Mr. Olney in einem etwas zu langen Jackett, seinem speckigen Hut auf dem Kopf und die vorbereitete Gitarre umgehängt. Als er auch noch beinahe einen Mikrophonständer umlief, war der Eindruck eines hilflosen älteren Herrn perfekt. Das änderte sich schlagartig, nachdem er das Podium betreten hatte. Die Scheinwerfer beleuchteten einen der größten Songwriter unserer Zeit, den auch das unhöfliche und unsensible Gequatsche aus den hinteren Gefilden des Raumes nicht aus der Ruhe brachte. Das spontan von einem Zuschauer als Zugabe gewünschte "1917" beendete einen großartigen Auftritt viel zu früh. Der Auftritt von Jesse Malin & Band beendete mit knallhartem Rock das Festival im Hauptsaal. Jesse kann eine gewisse Punk-Attitüde aus seiner Vergangenheit nicht verleugnen, auch wenn er mittlerweile ins Singer / Songwriter-Lager gewechselt ist, Ryan Adams zu seinen Trinkkumpanen zählt und seither auf Bruce Springsteen Light macht. Der Eindruck, dass Jesse Malin ein seinem tatsächlichem Status unangemessenes Rockstar-Ego mit sich herumschleppt, bestätigte sich wieder einmal: Er war mit der Beleuchtung unzufrieden und bemängelte divenhaft, dass das Publikum zu weit weg stünde. Obwohl nach dem eiligen Verlassen der Bühne am Ende des Sets kaum damit zu rechnen war, kehrte er doch zur obligatorischen Zugabe zurück.

Die nicht unbedingt dankbare Aufgabe, als allerletzter Act der Nacht in der Acoustic Hall aufzutreten, absolvierten Jennie Stearns mit Begleitung. Was viele als Glücksfall betrachteten, denn Jennie ist eine Songwriterin, die z.B. kaum je den Weg in unsere Gefilde fände. Noch recht viele Menschen genossen hier den gekonnten, relaxten Auftritt und ließen den Abend nach mehr als acht Stunden (toller) Musik besinnlich ausklingen. Positiv hervorgehoben sei die - wie immer - gute Organisation des Festivals. Beide Bühnen in der Main Hall waren diesmal nebeneinander gebaut worden, und nicht - wie in den Vorjahren - einander gegenüber. Die räumliche Nähe bewirkte, dass das Publikum dem gesamten Auftritt der Künstler auf der einen Bühne beiwohnen konnten, um dann in Ruhe zur nächsten zu wechseln, ohne befürchten zu müssen, einen ungünstigen Platz zu erwischen. Zudem wurde durch die Zusammenlegung der Bühnen Raum in der gegenüberliegenden Hälfte der Halle für eine aufwendig gestaltete Chill-Out-Zone geschaffen. Als besonders angenehm aber wurde die bequeme und zahlreiche Neubestuhlung der Acoustic Hall empfunden; durch die Entfernung der Tische aus diesem Saal wurden zum einen mehr Sitzplätze geschaffen und zum anderen entfiel die Ansammlung von Essensresten und leeren Gläsern. Im Rückblick erscheint die Besucherzahl in diesem Jahr leicht rückläufig; außerdem blieb der Eindruck haften, dass mindestens ein Viertel der Zuschauer aus dem benachbarten Deutschland stammte. Insgesamt betrachtet war dies ein Festival ohne ein absolutes Highlight, dafür aber mit vielen sehr guten Acts, die man - vor allem in Deutschland - nicht alle Tage sieht.

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Text: -Peter Pricken-
Foto: -Peter Pricken-

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