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Reeperbahn Festival 2019 - 3. Teil

Hamburg, Reeperbahn
20.09.2019

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Tusks
Der Kanadiier Graham Everaux alias Devarrow ist bereits ein Reeperbahn-Veteran. Vor zwei Jahren zeigte der DSD (Displaced Surfer Dude) aus Halifax im Kukuun bereits, wie man hakelig verschrobenes Songwriting mit locker flockigem Folkpop zu einer recht eigenständigen Melange verquicken kann. Das tat der Mann mit der Wollmütze auch in diesem Jahr wieder - allerdings als Band. Das hatte seine Vor- und Nachteile: Der Vorteil war der, dass die Sache mit ordentlich Schmackes daher kam und der Nachteil, dass die Band seltsamerweise immer einen halben Ton hinter Devarrow her spielte. Das war dann doch ein wenig zu verschroben.
Marissa Burwell und ihre Jungs kommen ebenfalls in einer Art Singer/Songwriter Folkpop-Setting daher - das (anders als bei Devarrow) allerdings nicht besonders verschroben, sondern in gediegen-klassischer Old School Manier auf handwerklich hohem Niveau ausgeführt wird. Dass die Sache klingt, als mache Marissa das bereits seit Jahrzehnten, obwohl sie gerade mal eine EP veröffentlicht hat (auf der die poppigen Aspekt übrigens sehr viel stärker zum Tragen kommen als auf der Bühne), spricht für ihre Abgeklärtheit und performerische Routine. Für die Mittagszeit war das wieder mal genau das Richtige.

Die nachmittägliche Show der The Stroppies im Rahmen des Aussie BBQs im Molotow Club war der erste der Band in Deutschland - und ohne Hemmungen legten sie direkt los mit ihren harmonischen Schlenkern, verschachtelten Klangebenen, dynamischen Akzenten und Jingle-Jangle-Schrammelpop. Das kam gut an, besonders wenn das Keyboard zur Auflockerung des Sounds eingesetzt wurde.

Eine Etage über den Stroppies gab Steph Grace aus Sydney den ersten ihrer insgesamt drei Reeperbahn-Gigs - natürlich auch beim Aussie BBQ. Die inzwischen in Berlin ansässige Troubadourin ist dabei eine geborene Storytellerin (sowohl in wie auch zwischen ihren Songs), Weltenbummlerin und Rampensau. Mag sein, dass ihre Erfahrungen als Straßenmusikerin damit zu tun haben, aber in der Molotow SkyBar hatte sie bei ihrem Solo-Set - alleine mit ihrer sympathischen Ausstrahlung - das Publikum um den Finger gewickelt, bevor sie noch einen Ton gesungen hatte und freute sich darüber, dass "mehr als vier Zuschauer" den Weg in das kleine Etablissement gefunden hatten, was aber freilich kein Wunder ist, denn ihre persönlich gefärbten Folksongs, den sie mit sonorer Blues-Stimme vorträgt, haben ihren ganz eigenen Reiz.

Das Power-Pop-Segment beim Aussie Barbeque war dieses Jahr fest in Frauenhand. Ali Barter ist in ihrer Heimat bereits ein veritabler Star seit sie 2017 mit ihrem Debütalbum "A Suitable Girl" im Rahmen der australischen Sektion der MeToo-Debatte auf Sexismus und Feminismus auf sich aufmerksam machte. Das kommende zweite Album "Hello I'm Doing My Best" ist weniger politisch ausgefallen - bietet aber auch wieder reihenweise druckvolle Powerpop-Hits. Ali, die auf der Bühne Bass spielt, trat im knackigen Trio-Format im Molotow Club auf und bot einen schnörkellosen, druckvollen Sound, der im interessanten Kontrast zu ihrer mädchenhaften Sporanstimme steht - die im Molotow freilich etwas zu liberal in den Vordergrund gemischt wurde. Wer die Dame indes auch sehen wollte, musste wegen des üppig eingesetzten Kunstnebels auf eines der beiden folgenden Konzerte zurückgreifen.

Direkt im Anschluss konnte man sich von RVG im Molotow Backyard wegfegen lassen - alleine die markante Stimme von Romy Vager nimmt mehr oder weniger den ganzen Raum ein, dazu gesellt sich die effektbeladene Gitarren-Arbeit von Reuben Bloxham, Angus Bell am Bass und Marc Nolte am Schlagzeug. Musikalisch irgendwo der Post-Punk-/IndieRockPop-Ecke beheimatet, jetzt nicht unbedingt eine neue Mischung, aber dennoch faszinierend.

Noch eine Spur lauter und wilder wurde es dann im Molotow Club bei den DZ Deathrays aus Down Under. Da konnte dann endlich mal die Matte geschwungen werden, egal ob auf oder vor der Bühne. Das Trio weiß, wie man schnell ein Publikum mit Lautstärke wegblasen kann, vergisst dabei aber auch nicht, gute Melodien zu schreiben. Das lässt man sich gerne gefallen.

Wie Ali Barter hat sich auch Olivia Bartley, die ihr Projekt nach dem Manet-Gemälde Olympia benannt hat, dem Power-Pop-Genre im Trio-Format verschrieben. Allerdings mit einer klassischen Rock-Star-Attitüde und einem gewissen Glam-Faktor. Olivia gehört dabei sicherlich zu den schlagfertigsten, scharfzüngigsten Performerinnen der Gegenwart, weswegen ihre Käbbeleien mit dem Publikum durchaus amüsant zu beobachten sind. Und dann noch was: Der eingängige Charakter ihrer Songs und die handwerklich exzellente Darbietung machen schnell vergessen, dass ihre Stücke zuweilen mehr Akkorde enthalten, als die gesamte Karriere manch anderer Künstler und eher komplex als simpel angelegt sind.

Offensichtlich langsam etwas angeschlagen präsentierten sich Suzan Köcher und ihr Suprafon nach dem beeindruckenden Gig am Tag zuvor im Kaiserkeller danach nochmals auf der Viva Con Agua Hangout Bühne. Dem Anlass angemessen gab es ein vollkommen anderes, total relaxtes Set, bei dem Suzan und Jens Vetter sitzenderweise und mit verkehrten Rollen ihren Beitrag leisteten: Jens hantierte etwa nur mit seinen Synthesizern und Suzan trommelte an seiner Statt ein wenig. Wie gesagt: Das Set hatte ein ganz anderes Feeling und eine betont relaxte, psychedelische Note und war als Einstimmung auf den Club Abend bestens geeignet.

Als Alex Köck und Stephanie Widmer im letzten Jahr auf dem Reeperbahn Festival herumstolperten, stellten sie für viele mit ihrem zitatenreichen Blues-Trash-Indie-Psycheldelia-Exploitation-Retro-Pop mit Digeridoo sicherlich DIE Überraschung schlechthin dar. Nicht nur aber vielleicht auch, weil Cari Cari ausgerechnet aus Österreich kommen. Als das um einen Drummer erweiterte Duo um 20 Uhr die Bühne des Mojo-Club betrat, dauerte es keine Minute, bis das Publikum mindestens so ausrastete wie die Band selbst. Wenngleich "ausrasten" im Falle von Stephanie bedeutet, ab und an ein Lächeln nicht unterdrücken zu können, während Alex sich keiner Verrenkung zu schade ist - was aber wohl zum dichotomatischen Konzept des Duos gehört. "Offensichtlich haben wir ja etwas richtig gemacht", freute sich Ales zu recht über den überwältigenden Zuspruch.

Nicht direkt zur Reeperbahn gehörend, aber angrenzend ist der große Bunker, in dem auch der Terrace Hill Club seine Heimat hat. Dort durfte Emily Underhill aka Tusks den Abend eröffnen und das tat sie beeindruckend. Eigentlich ist Tusks ein Solo-Projekt, aber auf der Bühne holt sich Emily dann Unterstützung an Gitarre, Bass und Drums dazu, um ihren Dream-Pop perfekt in Szene zu setzen - auch wenn es erst der zweite Einsatz des Bassisten war, es passte alles. Laute und leise Passagen, Songs von ihren beiden Alben, ein Foals-Cover ("London Thunder") nur mit Emily und Gitarre - klasse. Wenn sie nicht Gitarre spielt, bedient sie bei einigen Songs auch den Synthie, der dann nochmal das gewisse Extra in ihre Songs bringt.

In den Molotow Karatekeller zu gelangen, gehört ja zu den Königsdisziplinen des Festivalbesuchers - war aber in diesem Falle unbedingt notwendig, denn dort gab am Freitag Abend das dänische Schwesterntrio Velvet Volume seinen Einstand. Und zwar nicht etwa mit einfühlsamen Mädchenpop und Harmoniegesang, sondern mit kompromissloser, klassischer, harter Rockmusik. Noa, Naomi und Nataja sind dabei trotz ihres jugendlichen Alters bereits Veteranninen, denn ihr Debütalbum "Look Look Look!", das nun auch bei uns veröffentlicht wird, kam bereits 2017 heraus und seither ist das Trio in Skandinavien bereits erfolgreich in Sachen musikalischer Traditionspflege unterwegs. Diese Routine sieht man den Mädels dann auch durchaus an. Mag sein, dass das Publikum hier ausschließlich aus älteren Herren bestand, die diese Art von Musik noch aus erster Hand kennen - aber das war weiland bei den Donnas auch so; und die waren nicht mal Schwestern und haben es nachher auch geschafft, Damen für ihr Tun zu begeistern - was Velvet Volume schließlich auch zu wünschen wäre, denn ihre Songs besitzen trotz aller Klischees durchaus auch eine feministische Note.

Dann war es Zeit für die Stimme aka One True Pairing aus Großbritannien. Hinter diesem Bandnamen steckt Tom Fleming, den man von den Wild Beasts kennen dürfte - und daher auch vermutlich schon direkt diese markante Stimme im Ohr hat. Musikalisch immer noch irgendwo im Wild Beasts-Bereich, aber dann doch eine Portion mehr Pop und Sound-Attacken, die Fleming auf der Bühne von einem Kollegen an den Tasten hervorrufen lässt - immer wieder erstaunlich, wie man mit ein paar Tasten-Kombinationen die Club-Mauern beben lassen kann.

Die Songwriterin Bess Attwell kommt aus Brighton, wo sich im Laufe der letzten Jahre eine lebendige Singer-Songwriter-Szene entwickelt hat. So ist Bess z.B. mit dem Lokal-Heroen Michael Baker befreundet und hat auch schon mit diesem zusammen gespielt. Ihr Set in Angie's Nightclub stellte ihr Deutschland-Debüt dar und hier präsentierte sie dann auch Tracks ihres Debüts "Hold Your Mind", ihrer aktuellen EP "Big Blue" wie die aktuelle Single "Swimming Pool", und neue Tracks die sie im kommenden Jahr veröffentlichen will. Wie in der Brighton-Szene üblich sind ihre Folkpop-Songs nicht geradlinig, sondern komplex verspielt angelegt. Das machte aber nichts, da sie eine ausgezeichnete, gut aufeinander eingespielte Band dabei hatte. Interessant war der Umstand, dass Bess eine elektrische Gitarre spielte (auch wenn es nur eine billige Danelectro sei, wie sie entschuldigend erklärte), was ihre Musik angenehm edgy erscheinen ließ. Es wäre verwunderlich, wenn wir von Bess Atwell demnächst nicht noch viel mehr hören würden. Für den anstrengenden Festivaltag war dieses Set jedenfalls ein angenehm entspannter Ausklang.

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Text: -Ullrich Maurer / David Bluhm-
Foto: -David Bluhm-


 
 

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