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Orange Blossom Festival 23 - 2. Teil

Beverungen, Glitterhouse-Garten
08.06.2019

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Money For Rope
Nachdem die britische Indie-Queen Laurel kurzfristig aus persönlichen Gründen abgesagt hatte, sprang am zweiten Tag beherzt Suzan Köcher aus Solingen mit ihrem neuen Projekt Suprafon ein, um das Publikum mit ihrem eleganten Psychedelia-Rock zu beglücken - mit dem sie zuletzt sogar in den USA reüssieren konnte. Suzan war am Tag zuvor vom Solinger Oberbürgermeister Tim Kurzbach von der SPD als Ehrenbotschafterin von Solingen ernannt worden und hatte gerade mal drei Stunden schlafen können. Das jedoch ließ sie niemanden merken und begeisterte - wie schon so oft - mit ihren grandiosen Songs und der werkgetreuen Art, mit der diese dann im klassischen Psychedelia-Stil inszeniert sind. Suprafon ist dabei übrigens der Name des ältesten tschechischen Plattenlabels, auf dem viele maßgebliche Veröffentlichungen erschienen und das im ehemaligen Ostblock eine wichtige Rolle spielte. Das soll im Wesentlichen die Haltung ausdrücken, mit der Suzan und ihre Musiker ihre Kunst angehen.
Die Tiny Wolves sind ein Projekt ohne Zukunft. Jedenfalls in der derzeitigen Form, denn diese "Band" besteht aus 50 winzigen Pop-Blagen (um da mal das Haldern Festival zu zitieren), die sich unter der Leitung von Kristof Beuthner am Samstag gleich mehrfach zur freiwilligen Kinderarbeit versammelten - und die dann ja über kurz oder lang aufwachsen werden. Zur allgemeinen Verwunderung und zum Amüsement der Fans trugen die Musikzwerge dann "Free Falling" von Tom Petty und "Denkmal" von Wir sind Helden vor. Wie es zu dem wunderlichen Projekt hatte kommen können, wollte Rembert zu einem späteren Zeitpunkt erzählen. Nur so viel: Bei den Tiny Wolves handelt es sich um künftige Glitterhouse Recording Artists, denn es sei soeben ein Vertrag unterzeichnet worden. (Den hätte man - mit allen 50 Unterschriften - gerne mal sehen wollen.) Nur so viel: Das ging vollkommen in Ordnung und hatte auch nichts von dieser süßlichen Dämlichkeit, die Kinderchor-Projekten gerne oft aufgepropft wird.

Die nach dem niederländischen Autor Robert Loesberg benannte Band Lewsberg wird gemeinhin gerne als die "Velvet Underground von Rotterdam" bezeichnet - und das nicht ohne Grund, wie sich auch auf dem OBS zeigte. Denn in Sachen knochentrockener Unerbittlichkeit, hypnotischer Rhythmen, stoischer Gelassenheit und lässiger Coolness macht der Band (bis auf Acts mit derselben Zielrichtung wie Galaxie 500 oder Luna) so schnell niemand etwas vor. Viele hatten ja eigentlich vor, das Set als verzichtbaren Rock-Füller abzutun - mussten sich dann allerdings doch dem faszinierenden Sog dieser Performance hingeben. Witzig ist dabei der Umstand, dass Frontmann Arie van Vliet ungefähr doppelt so groß ist wie die Bassistin Shalita Dietrich, die als "Nico" der Band fungiert - was dazu führt, dass Fotos der Band immer aussehen wie Balkendiagramme. Das aber nur am Rande.

Christian Aregger und Roland Bucher alias Blind Banjo Aregger und Oklahoma Butcher alias Blind Butcher hatten sich im letzten Jahr auf der kleinen Festivalbühne in die Herzen der Zuschauer gesprengt, als die eine dort angebrachte Disco-Kugel während ihres Sets zur Explosion gebracht hatten. Dieses Mal ging es auf der großen Bühne dann mit Disco-Blues, Kraut-Punk, Old-School-New-Wave und anderen seltsam unpassenden Stil-Kombinationen weiter - die aber trotzdem allesamt gut unterhielten. Nicht weil, sondern obwohl die Jungs in hanebüchenen Glam-Rock-Kostümen auftraten. Auf die Bitte hin, beim Meet & Greet dann bitte nicht den Road Tracks-Stand in die Luft zu sprengen, meinte Christian eher traurig "Aber wir haben doch extra zehn Sprengsätze mitgebracht.

Lysistrata ist ein Trio aus Saintes in Frankreich. Mit frankophiler Eleganz oder gar Chansons haben die drei Herren indes nix am Hut. Stattdessen hat sich die Band, die auf der Facebook-Seite unter "Not Phil Collins" als persönliches Interessensgebiet eingetragen hat, so ziemlich alle Varianten des beinharten, stacheligen Testosteron-Rocks ausgesucht und zusammengeschmissen. Mit demselben Setup wie am nächsten Tag die Nerven - nur doppelt so laut - brüllten sich Théo Guéneau, Max Roy und Drummer Ben Amos Cooper da zu messerscharfen Stakkato-Riffs um Kopf und Kragen. Besonders sinnstiftend erschien das nicht gerade - als Kontrapunkt zum nachfolgenden Act zeugte dieses Set indes von der enormen stilistischen Spannbreite, die sich auf dem diesjährigen OBS versammelt hatte.

Die Schweizerin Janine Cathrein hat mit ihrem Projekt Black Sea Dahu ohne großen Promotion-Aufwand in kurzer Zeit den Nerv der Zeit getroffen und präsentierte auch auf dem OBS ihren Indie-Folk-Pop mit einer angenehm entspannten, femininen Note. Um es mal so auszudrücken: Während Lysistrata zuvor musikalisch in den Krieg gezogen waren, predigten Janine und ihre Musiker (zu denen auch ihre Schwester gehört) dann eher Friede, Freude und Eierkuchen. Und das eben auf eine für schweizer Acts typische, entspannte und leicht melancholische Art. Das kam gut an, denn die mitgebrachten Scheiben der Band fanden am Merch-Stand reißenden Absatz. Da gab es dann beim anschließenden Meet & Greet viel zu schreiben.

Es gibt drei ausschlaggebende Dinge, die für das australische Quintett Money For Rope sprechen: Die Band verfügt über gleich zwei Drummer, die in der Lage sind, die komplexesten Beats parallel zu spielen; die Musiker sind total wahnsinnig und Keyboarder Rick Parnaby singt in ein Telefon. Davon mal abgesehen, wussten die Jungs um den wirrköpfigen Frontmann Julian McKenzie, worum es beim OBS geht - denn sie waren vor ein paar Jahren ja schon mal zu Gast und hatten damals sogar die Ehre, beim Flunkyball-Spiel beweisen zu können, wie gut Australier an der Flasche sein können. Musikalisch gab es hochenergisch verdichteten Indie-Rock, der durch die ansteckend gute Laune der Jungs nun wirklich auch nicht schlechter wurde. Dass die Aussies ein Herz für ihre Fans haben, zeigte etwa der Umstand, dass sie einem besonders treuen Apostel während der Show eine signierte LP überreichten - und dass sie nach der Show kaum noch vom Meet & Greet Stand wegzulocken waren.

Der Schwede Christian Kjellvander ist ja ein OBS-Veteran der alten Schule - hat sich allerdings schon einige Jahre nicht mehr auf dem Festival blicken lassen. Mit seiner aktuellen Band präsentierte er nun seine momentan eher desolate als melancholische Weltsicht, die er mit dunklen Klangwolken auf seinem letzten Album "Wild Hxmans" zu mächtigen Soundwänden und Drones verdichtet hatte mit einem dynamischen Live-Set, das insbesondere durch seine Lautstärke und die mächtigen subfrequenten Bass-Töne beeindruckte, die ein eindrucksvolles Backing für seine sonore Bassstimme bildeten. Das war insofern bemerkenswert, als dass Christian dereinst als Rockmusiker gestartet war, sich dann aber zum einfühlsamen Melancholiker entwickelt hatte und nun zu einer ganz neuen musikalischen Sprache gefunden zu haben scheint. Insofern war dieses Set dann auch weit weniger sentimental nach rückwärts ausgerichtet, als dass sich das alte Fans vielleicht gewünscht hätten.

Es gibt drei ausschlaggebende Dinge, die für das finnische Sextett The Holy sprechen: Die Band verfügt über gleich zwei Drummer, die in der Lage sind, die komplexesten Beats parallel zu spielen; die Musiker sind total wahnsinnig und... nun gut, hier gibt es keinen Keyboarder, der durch ein Telefon singt, dafür aber Musiker, die wissen, wie man aufgestauten Bewegungsdrang effektiv in konstruktiver Zerstörungswut kanalisiert. Die Band aus Helsinki überraschte durch einen ungewöhnlichen Bühnenaufbau, der sich im Folgenden dann aber erklärte: Die beiden Drummer saßen vorne am Bühnenrand und drei der Musiker standen hinten auf einer Empore. Das gehörte insofern zum Konzept, als dass zunächst Frontmann Henrik Iivari - später dann aber auch Bassistin Laura Kangasniemi und Gitarrist Pyry Peltonen - die dynamischen Breaks in dem dramatisch orchestrierten Artpop des Ensembles dazu nutzten, in der Freifläche in der Mitte der Bühne einen kollektiven Veitstanz aufzuführen, dem sich gegen Ende der Show dann auch die Drummer anschlossen, was zu einem solchen mordsmäßigen Tohuwabohu a la The Who führte, dass es im Folgenden kein "Weiter so" geben konnte - einfach weil alles kaputt war. Kollege Kristof Beuthner bemerkte in seinem Nillsson-Blog ganz richtig, dass es Henrik nicht gelang, einen Draht zum Publikum aufzubauen. Das ist aber auch fast nicht möglich, denn das monumentale Debütalbum der Band gehört sicherlich zu den autistischsten musikalischen Monolithen der Gegenwart, denn hier verarbeitet Henrik seine eigene Geschichte und den Kampf mit seinen Depressionen und Psychosen in Form eines politischen Manifestes, in dem auch noch die jüngere Geschichte Finnlands thematisiert wird. Zum Plaudern bleibt da wirklich kein Raum mehr. Nicht umsonst haben The Holy Songs mit Titeln wie "This Will Be The Day That I Die" im Gepäck. Beeindruckend, faszinierend und mitreißend war das Spektakel dann schon - und für viele ein Highlight. Man muss dann ja auch nicht immer alles verstehen.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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