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Deinesorgen Jr.

Orange Blossom Festival 23 - 1. Teil

Beverungen, Glitterhouse-Garten
07.06.2019

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Linn Koch-Emmery
Eines muss noch mal deutlich gesagt werden: Das Orange Blossom Festival ist nach wie vor keine Veranstaltung, auf der mit Sextant, Lotmaß, Wasserwaage, Spreadsheets und Algorithmen der Wert oder die Richtigkeit von Musik ermittelt wird (schon gar nicht auf kommerzieller Basis) - sondern ein Ereignis, bei der Menschen aller Art, Couleur und Façon zusammenkommen, um auf eine bemerkenswert vielfältige Art und Weise gemeinsam eine gute Zeit zu haben. Wie das Festivalmotto bereits erkennen ließ, war eigentlich nur für besorgte Bürger kein Platz im Garten der Glitterhouse-Villa (die Rembert Stiewe soeben käuflich erworben und somit den Bestand des Festivals für die nächsten Jahre gesichert hat). Mag sein, dass das Festival auch in diesem Jahr wieder etwas größer und professioneller geworden ist (was aber vor allen Dingen auf das erweiterte Platzangebot auf dem neu strukturierten Gelände zurückzuführen ist) - aber der von einigen Richtigwissern im Vorfeld beschrieene kommerzielle Ausverkauf des OBS fand auch in diesem Jahr wieder nicht statt.
Sicher: Die dem Zeitgeist angepasste Security-Vorgaben und der Umweltbewussteinserweiterung dienenden oder behördlichen Auflagen geschuldete Regelungen, gestiegene Ticketpreise oder ein im Vergleich zu früher professionell gestalteter technischer Ablauf mögen z.T. gewöhnungsbedürftig sein - aber die 60s sind halt nun mal vorbei. Immer noch ist das OBS das Festival mit der freundlichsten Security, dem umfangreichsten Rahmenprogramm, dem fairsten Catering-Angebot, dem einsatzfreudigsten Personal, seit diesem Jahr auch größten überdachten Platzangebot und wohl auch den volksnahesten Musikanten (denn diese standen in diesem Jahr fast allesamt für Autogrammstunden zur Verfügung). Mit "richtigen" Kommerzveranstaltungen wie dem zeitgleich stattfindenden Rock am Ring hat das alles - nicht nur von den Dimensionen her - also nach wie vor relativ wenig zu tun.

Eines freilich ist das OBS nicht: Ein Wunschkonzert. Immer mit dem Ohr am Puls der Zeit hatten die Festival-Macher also auch in diesem Jahr wieder ein vielseitiges, subjektiv überraschendes und objektiv spannendes Programm zusammengestellt, das - man möge diese Plattitüde verzeihen - nun wirklich für jeden etwas zu bieten hatte. Was natürlich zur Folge hatte, dass diejenigen, für die eh früher immer alles besser war, dann halt zu Hause bleiben mussten. Auf der anderen Seite sorgt dieses Konzept schon seit langem dafür, dass das Publikum nicht allmählich im seligen Erinnerungstaumel vergreist, sondern sich zunehmend erkennbar verjüngt. Das einzige Problem, das Glitterhouse auch in diesem Jahr wieder mal nicht so richtig im Griff hatte, war dann das Wetter. Denn leider endete der erste Festivaltag mit einer verzichtbaren, aber letztlich glimpflich abgelaufenen Premiere: Der temporären Evakuierung des Festivalgeländes während eines knackigen Gewittersturms.

Zunächst ging es aber erst mal unverfänglich los - und zwar mit einer klassischen Rock-Show des aus Denver, Colorado stammenden Trios The Yawpers. Das heißt: So klassisch gebärden sich Nate Cook und seine Mannen (die sich übrigens nach einer Ausdruck in Walt Whitmanns Gedicht "Leaves Of Grass" benannt haben) gar nicht, denn sie treten ohne Bassisten auf. Musikalisch haben sich die Jungs eine Abart des Detroit-Rock-Sounds a la MC5 oder Stooges vorgenommen, den sie mit Blues- und Roots-Rock-Elementen sowie auch einer Prise Punk-Attitüde mischen. Nun: Mit Musik wie dieser kann man ja zu Beginn eines Festivals auch nicht viel falsch machen und das taten die Yawpers auch nicht. Eine Sache irritierte freilich: Während Gitarrist Jesse Parmet und Drummer Joah Shomberg sich auch vom Erscheinungsbild her als Rockmusiker präsentierten, erschien Nate Cook mit Crew Cut und Freizeithemd eher artfremd. Nun gut. Die Yawpers waren dann auch gleich die ersten, die sich zu einem Meet & Greet am Road Tracks Stand einfanden.

Natürlich gab es auch dieses Mal wieder das "Mal hier und mal da"-Prinzip. Das bedeutete dann z.B., dass der Liedermacher Jan Röttger mit seinem Bollerwagen über das Festivalgelände zog und - zum Teil während andere Shows liefen - seinen Antifolk-Pop-Folk auch für jene zum Besten gab, die keinen Platz mehr vor der Bühne ergattert hatten.

Die Australierin Angie McMahon hat sich auf ihrem Heimatkontinent durchaus schon eine gewisse Reputation erarbeitet - obwohl ihr Debütalbun "Salt" noch nicht ein Mal erschienen ist. Das liegt nicht nur daran, dass die schmächtige Person mit der großen Gitarre die gesamte Klaviatur des Indie-Pop mit der Muttermilch verspeist zu haben scheint, sondern auch daran, dass sie eine souveräne Bühnenpräsenz, ein brillantes Song-Repertoire und eine für ihre physikalischen Verhältnisse beeindruckend raumgreifende Gesangsstimme ihr Eigen nennt. Auf die Frage, wo sie denn ihre große Stimme aufbewahre, antwortete Angie im Scherz ein Mal: "Tief in meiner Seele" - was die Sache aber erstaunlich anschaulich auf den Punkt bringt. "Was für ein wunderschönes Festival", freute sich Angie über den Zuspruch früh am Tage. Leider wird um die anstehende LP herum eine gewisse Geheimniskrämerei betrieben, weswegen Angie wohl seitens des Managements angehalten war, bloß nicht alle neuen Tracks zu spielen, ihre Interviews zu beschränken und nicht mit den Fans anzubandeln. Dafür gab es dann aber zumindest Neil Youngs "Helpless" und einige erleuchtende Erläuterungen zu einigen der bereits verfügbaren Songs.

Wie zuvor auch schon Angie McMahon hatte die Schwedin (mit deutschen Wurzeln) Linn Koch-Emmery auf dem letztjährigen Reeperbahn Festival ihren Einstand gegeben und weiland in einer haarsträubend kleinen Bar zwar mit ihrer Band aber aus Platzgründen quasi ohne Publikumsbeteiligung eine solide Power-Pop-Rockshow hingelegt. Was damals nicht so recht deutlich werden konnte, ist der Umstand, dass die junge Dame nicht nur mitreißende Genre-Hymnen schreiben kann, sondern eine regelrechte Rampensau ist. (Klar - denn in Hamburg gab es damals ja keine Rampe.) Ein wichtiges Utensil für die Präsentation ihrer Songs ist für Linn dabei weniger ihre Fähigkeit, wie ein Derwisch auf der Bühne herumzuspringen, sondern ihre Haare. Diese lässt sie nämlich gerne ungezügelt ins Gesicht flattern, was der Sache gewissermaßen etwas Madonnenhaftes und Headbanger-Authentizität verleiht - gleichwohl Linn natürlich nicht in Sachen Heavy Metal unterwegs ist. Wohl aber weiß sie, was Hooklines und Powerchords sind. Schade eigentlich nur, dass eine ganz LP auf absehbare Zeit noch nicht in Sicht ist.

Die "kleine Bühne" auf dem OBS hat sich mittlerweile zu einer Art Live-Talentschmiede entwickelt. Nicht wenige der dort auftretenden Acts haben im folgenden dann eine solide Karriere hingelegt. Das hatte weiland mit Annenmaykantereit angefangen und ist mit den Giant Rooks sicher noch nicht zum Abschluss gekommen. Den Anfang machten dieses Jahr Kent Coda - eine Band, die Rembert bereits auf dem Crossroads-Festival in der Bonner Harmonie betreut hatte. Der Witz dabei ist dann der, dass Öğünç Kardelen - neben Christoph Guschlbauer das Gründungsduo des Projektes - auf türkisch singt... und somit dem eh schon babylonischen Imperialismus des OBS erneut Vortrieb leistete.

Was passieren kann, wenn man die ganze Sache zu professionell und ein Nummer zu groß andenkt, zeigten im Anschluss Sinkane bzw. der eigens mitgebrachte Soundtechniker des Ensembles um den charismatischen Songwriter Ahmed Gallab. Als es nämlich darum ging, die drei Synthesizer der Keyboarderin Elenna Canlas anzuschließen (die offensichtlich nicht dort eingestöpselt waren, wo es der Engineer notiert hatte), gingen wertvolle Viertelstunden verloren, im Verlaufe derer sich über Beverungen der Himmel zusammenfaltete. Kurz bevor das Konzert von Sinkane dann endlich beginnen konnte, gab es von der Bühne die erste Sturmwarnung seit Jahren. Dummerweise hatte Ahmed die Setlist für die Show nach dramatischeren Gesichtspunkten aufgebaut und begann die Sache erst mal mit zurückhaltenderen Nummern - wohl mit der Absicht, das Publikum im Folgenden mit den brillanten Agitprop-Songs seines neuen Albums "Dépayse" wegblasen zu können. Nun: Weggeblasen wurde das Publikum (und einige Zelte und Pavillons) dann tatsächlich - aber nicht von der Musik von Sinkane, sondern vom dem dann hereinbrechenden Taschenformat-Weltuntergang, der dann sogar dazu führte, dass Sinkane das Set abbrechen mussten, weil der Wind dann auf die Bühne drehte - gerade als sie sich mit "Everbody" und "Everyone" eben erst warmgespielt hatten.

Abgebrochen werden musste dann leider auch die Berichterstattung aufgrund technischer Sicherungstätigkeiten, denen dann auch die Meet & Greets mit Linn Koch-Emmery und Ahmed Gallab (die das beide gerne gemacht hätten) zum Opfer fielen.

Weiter zum 2. Teil...

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Surfempfehlung:
orangeblossomspecial.de
www.facebook.com/Orangeblossomspecialfestival
www.glitterhouse.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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