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Konzert-Bericht
 
Dahingetupfte Sinnsuche

Tomberlin

Münster, Pension Schmidt
03.06.2019
Tomberlin
"Ich werde heute eine Reihe trauriger Knaller für euch spielen. Ich hoffe, das geht in Ordnung, denn das ist das, was hier jetzt stattfinden wird", sagt Sarah Beth Tomberlin bei ihrem Auftritt in Münster gleich zu Beginn. Das ist Begrüßung und Ausblick in einem, denn auf der Bühne lässt die 23-jährige Singer/Songwriterin mit den tieftraurigen Coming-of-Age-Liedern aus ihrem viel beachteten Saddle-Creek-Debüt "At Weddings" und überraschend humorvollen, ja oft urkomischen Ansagen ihr Publikum an ihrer Suche nach ihrem Platz im Leben teilhaben. In der trotz Montag und Sommerwetter erfreulich gut besuchten Pension Schmidt hat die in Florida geborene und inzwischen in Kentucky heimische Baptistentochter damit das ergriffen lauschende Publikum schnell auf ihrer Seite.
Tomberlin
Über weite Strecken ist der Auftritt von Tomberlin eher eine inspirierende Therapiestunde mit musikalischer Untermalung denn Konzert im eigentlichen Sinne. Im Mittelpunkt steht weniger die betont fragile Musik, die Sarah Beth mit bescheidenem instrumentalen Können und auch sonst mit eher minimalistischen Mitteln (Akustikgitarre oder Keyboards plus Stimme, ergänzt um wenige Akzente ihres Sidekicks Andrew Boylan) darbietet, sondern eher die ungeschminkten, bewegenden Emotionen, die auf ihrer kämpferischen Sinnsuche immer wieder aufflackern und im Song "Self-Help" in den faszinierend verstörenden Zeilen "Electrocuted in the bathtub / Yellow black my bruises become / The heart is a heavy coffin / Where I lay down everyone I love" münden. Musikalisch dagegen ist das Lied die fröhlichste Nummer des ganzen Sets, die Sarah Beth augenzwinkernd mit "Genießt es, solange ihr könnt" einleitet, denn der nächste Downer lässt nicht lange auf sich warten. "Das nächste Lied ist so traurig, dass Andrew die Bühne verlassen muss, weil er damit nicht umgehen kann", scherzt sie vor "February". Ein Nachteil ist das nicht. Nie klingt Sarah Beth verletzlicher, nie wird es intimer als bei den zwei, drei echten Solosongs, mit denen sie noch deutlicher als sonst auf den Spuren der Frühwerke von Julien Baker wandelt. Bisweilen sind ihre Lieder sogar so herzzerreißend traurig, dass sie noch nicht einmal Titel haben, wie sie vor "Untitled 1" spitz anmerkt.

Dass sie ihrem Publikum mit ihrer Sinnsuche selbst im heimeligen Plüschsofa-Retro-Ambiente der Pension Schmidt einiges abverlangt, ist ihr sehr bewusst, und deshalb bricht sie den Auftritt immer wieder mit Monologen und Dialogen auf, mit denen sie sich mal unbeholfen schüchtern, mal beeindruckend lässig in die Karten schauen lässt und ihre Gäste am Auf und Ab des nervenaufreibenden Tourneelebens teilhaben lässt. "Gibt es Fragen, Kommentare, Anliegen?", fragt sie deshalb zur Hälfte der Show. "Es würde die ganze Transaktion hier etwas weniger verrückt für mich erscheinen lassen, wenn ihr etwas zu sagen hättet!" Den Gefallen tun ihr die Münsteraner gerne, und so erfahren wir, dass die Autodidaktin Sarah Beth bisweilen beim Songschreiben die Photo-Booth-App anwirft und sich selbst beim Gitarrespielen auf Video aufnimmt, "damit ich später weiß, was ich da überhaupt gespielt habe", hören Geschichten über Sprachbarrieren an Autobahnraststätten in Südfrankreich ("Das war sehr belastend", sagt Sarah Beth und muss lachend) oder einen fünfminütigen Vortrag darüber, dass eine kurz vor Ladenschluss erstandene Pizza to go nur so lange ein Geschenk des Himmels ist, bis klar wird, dass sie gerade aus dem heißen Ofen kommt und man sie nur in Alufolie verpackt auf bloßen Händen noch kilometerweit tragen muss...

Tomberlin
Den vielen deprimierenden Tagebuch-Texten (ein Paradebeispiel ist der früh am Abend gespielte heimliche Hit "Any Other Way" mit Zeilen wie " There's gotta be a way / I'm tired of feeling like you only stay / Out of guilt and out of shame / But did we know any other way") und der spartanischen Begleitung zum Trotz ist der Auftritt, den Sarah Beth nach 70 Minuten mit der intensiven Gänsehautnummer "Untitled 2" ausklingen lässt, deshalb nicht nur äußerst kurzweilig, sondern auch noch unerwartet unterhaltsam. Man könnte auch sagen: Selten lagen bittere Wahrheiten und ausgelassene Heiterkeit so dicht beieinander.
Surfempfehlung:
www.tomberlinmusic.com
www.facebook.com/tomberlinsb
tomberlin.bandcamp.com
Text: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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