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1. FC Köln rettet die Fußball-Mami!

Soccer Mommy
Kiran Leonard

Köln, Bumann & Sohn
22.05.2019

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Soccer Mommy
Eine Soccer Mommy ist im amerikanischen Sprachgebrauch mittlerweile zu einem politischen Sortierbegriff wie z.B. WASP geworden. Dabei handelt es sich um gut situierte Mittelklasse-Ehefrauen, die die Kids zum Fußball-Training oder zu Fußball-Matches fahren. "Fußball" ist dabei ein Sammelbegriff für alle Freizeit-Aktivitäten geworden. Warum sich Sophie Allison aus Nashville gerade diesen Moniker als Projektnamen zugelegt hat, erklärte sie bei ihrem ersten Auftritt in der Domstadt aber leider auch nicht - denn obwohl sie keineswegs so jung ist, wie sie durch ihr Klein-Mädchen-Outfit glauben machen wollte, ist sie andererseits auch noch nicht in der Klasse gutsituierter, treusorgender Helikopter-Mütter angelangt. Freilich: Gerade dieser Name rettete sie dann bei der Show im Bumann & Sohn. Denn obwohl Sophie auf ihren bis zu drei Debüt-LPs vor allen Dingen mit ihrem spröden DIY-Indie-Sound geflirtet hatte, war sie mit ganz großem Besteck auf Tour gegangen: Bis zu fünf Gitarren (von denen großteils drei gleichzeitig in Betrieb waren) und ein Keyboard standen auf der Bühne bereit und zusätzlich zu den normalen Monitoren hatte sich Sophie auch noch In-Ear-Kopfhörer eingestöpselt - und zwar in einen Laptop, den der Tontechniker zunächst nicht ans Laufen brachte. Erst als dann ein Ersatz-Laptop herangeschafft wurde, auf dem das Apple-Logo mit einem Aufkleber des 1. FC Köln überdeckt war, funktionierte das Ganze. Wieder ein Mal hatte also der 1. FC Köln also den Fußball gerettet!
Bevor Soccer Mommy mit Band die Bühne erklommen, irritierte ein schlaksiger, hyperaktiver Avantgardist namens Kiran Leonard aus Manchester das Publikum. Und zwar nicht nur deswegen, weil er mit eigenartig hektischer Energie holperige, verschroben strukturierte, am Rande der Atonalität und dem Wahnsinn entlang taumelnde Art-Rock-Schrammel-Kunstwerke etwa über fehlende Gliedmaßen ergänzende Lepra-Paare präsentierte, sondern auch deswegen, weil es einen irischen Songwriter-Kollegen namens Kieran Leonard (mit einem "e" mehr im Namen) gibt, der eine ganz andere Musikrichtung vertritt. Der Teufel lag hier also - wie so oft - im Kleingedruckten. Immerhin hat der Mann, der sich da mit verschiedenfarbigen Socken auf der Bühne verrenkte, um die richtige Position einnehmen zu können, die nötig war, die Interferenzen der nahe liegenden Eisenbahn zu vermeiden, einen spezifischen Humor. Leider habe er von der LP, deren Stücke er hier aufführte, nur ein Exemplar mit auf Tour genommen. Von einer anderen LP gäbe es zwar mehr Exemplare - diese enthielte jedoch nur Piano-Stücke, die er nicht aufführen könne. Man müsse ihm also diesbezüglich vertrauen, möge aber dennoch seine Scheiben erwerben. Dabei war das gar nicht so einfach, denn seine No Wave-Stücke sind so hakelig und schräg, dass selbst die versammelte Soccer Mommy-Mannschaft mit offenen Mündern staunend neben der Bühne stand, um vielleicht verstehen zu können, was Leonard da eigentlich machte.
Da ist Soccer Mommys Musik dann schon einfacher zu verstehen. Insbesondere auch deswegen, weil Sophie auf dieser Tour zeigte, dass sie verstanden hat, worauf es in ihrem Genre im musikalischen Sinne ankommt. Anders als z.B. ihre angesagte Kollegin Lindsey Jordan a.k.a. Snail Mail, kann Sophie die Töne, die sie gesanglich anpeilt, auch treffen und halten. Sie hat auch begriffen, dass der spröde Sound einer elektrischen Gitarre, die wie eine akustische gespielt wird, auf Dauer eher ermüdend und anstrengend wirkt und wendet diesen Effekt dann nur noch für die Solo vorgetragenen Nummern an. Ansonsten hat sie das Sounddesign, das auf ihrer "offiziellen" Debüt-LP "Clean" bereits in Ansätzen voluminöser ausgefallen war als auf den selbst gebastelten Vorgänger-Sammlungen, einer radikalen Band-Kur unterzogen. Das Ergebnis war dann, dass dann Tracks wie z.B. "Last Girl" oder sogar ältere Songs wie "Try" nun regelrecht rockten. Dabei outete sich die ganze Band als spielfreudiges Ensemble, das durchaus in der Lage war, im geeigneten Moment (als z.B. das Keyboard neu verkabelt werden musste) mit improvisierten Jam-Partien zu reagieren. Natürlich ist die Sache dem Umstand geschuldet, dass die Gute in den USA bereits einen Status erreicht hat, in dem auch größere Hallen ein Mal hinreichend beschallt werden müssen - aber für die Fans vor Ort in Köln hatte das dann den erfreulichen Effekt, dass die Sache wesentlich druckvoller und mitreißender rüberkam, als das nach Sachlage der Veröffentlichungen eigentlich zu erwarten gewesen wäre. Und diejenigen, die gerade den sprödem Charme der Anfangstage gemocht haben mögen, kamen ja auch auf ihre Kosten - indem Sophie dann einige Tracks - darunter "Allison", das Springsteen-Cover "I'm On Fire" oder auch zur Zugabe den brandneuen Track "Night Shift" solo vortrug. Da das Phänomen Soccer Mommy schon etwas länger gärt und Sophie relativ spät bei uns zur Tour aufschlug, hat sich natürlich die Situation ergeben, dass nun bereits eine neue Scheibe im Kasten ist. "Nicht, dass ihr diese bald kaufen könnt", bremste Sophie indes die mögliche Vorfreude, "denn so läuft das nicht." Freilich wollte sie es sich nicht nehmen lassen, neben eigenen Favorites wie z.B. "Scorpio Rising" auch neue Titel - etwa einen Song im Art-Rock-Gewand namens "Lucy" - zu präsentieren.

Das Erfreuliche die Performance betreffend, war dabei der Umstand, dass das Ganze mit einer gewissen Ernsthaftigkeit und Professionalität präsentiert wurde - und zwar wesentlich erdiger und weit weniger abgehoben als das andere Hype-Acts aus Sophies Genussmittelklasse zuweilen demonstrieren. Wirkliche Offenbarungen oder gar Innovationen gab es (außer vielleicht für die Handvoll selbstverliebter weiblicher Hardcore-Fans) nicht zu bestaunen, aber als solider Indie-Power-Pop-Act überzeugten Soccer Mommy hier allemal.

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Surfempfehlung:
soccermommyband.com
www.facebook.com/soccermommymusic
www.youtube.com/watch?v=4bN0FhCiV9c
www.youtube.com/watch?v=PJRxb8QvYXs
kiranleonard.bandcamp.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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