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Am Puls der Zeit

Lambchop
Joyero

Köln, Gloria
27.04.2019

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Lambchop
Es dauerte eine ganze Weile bis sich das Kölner Gloria beim üblichen Tour-Stop von Kurt Wagner und seiner jeweiligen Lambchop-Inkarnation in der Domtadt gefüllt hatte. Das wird nur zum Teil daran gelegen haben, dass das Samstags-Konzert bereits mit 19 Uhr angekündigt worden war - sondern wohl auch daran, dass Kurt mit der Wahl der Deutschrapper Twit One & Retrogott als Support-Act bei seinem letzten Besuch an gleicher Stelle all jene bestätigt hatte, für die wohl auch schon beim Urknall früher alles besser gewesen war - und seine getreuen Fans (von denen es ja auch eine ganze Menge hat) verschreckt hatte.
Nun: Ganz so schlimm wurde es dieses Mal nicht, denn den Support machte dieses mal das assoziierte Lambchop-Mitglied Andrew Stack alias Joyero und seine musikalische Wunderwaffensammlung. Andrew ist - neben Jenn Wasner - auch als andere Hälfte des Indie-Rock-Duos Wye Oak bekannt und spielte später im Set bei Lambchop das zweite Schlagzeug (!), Saxophon und musikalische Wunderwaffen. Diese sind es dann auch, was ihn mit dem Sound seines Mutterprojektes Wye Oak als Solo-Künstler verbindet. Mit Indie-Rock hat das aber - selbst im weitesten Sinne - nichts mehr zu tun. Sicher, es gibt einige Tracks, bei denen Andy als Gitarrist zu konventionellen Akkordfolgen tendiert - aber diese - wie auch Saxophon und insbesondere seine Vocals - werden durch eine Vielzahl elektronischer Effektgeräte wie Harmonizer, Pitch-Shifter, Sampler, Delay und Hall-Geräte gejagt, mittels derer er seine avantgardistischen Klangideen zu zwar spröden und komplexen Soundinstallationen erweitert. Diese Effektgeräte sind dann die besagten Wunderwaffen - und übrigens auch das, was viele Fans fälschlich vermuten ließ, dass auch das neue Lambchop-Werk elektronischen Ursprunges sei. Stack scheint mit diesem Rezept seine inneren Dämonen zu bekämpfen bzw. zu verarbeiten: Zu seiner Debüt-Single "Salt Mine" etwa sagt er, dass es hier um "physische Paranoia und hartnäckige Wahrheiten" gehe. Alles klar? In diesem Sinne geriet Andrews kurzes - aber trotz allem interessantes, unterhaltsames und kurzweiliges Set - zu einer Art musikalischer Therapiestunde.
Eine Therapiestunde hat Kurt Wagner nicht mehr nötig - dafür ist er einfach schon zu lange im Geschäft. Es ist dann auch nur folgerichtig, dass seine Lyrics heutzutage aus zunehmend abstrakter aneinandergereihten Stream-Of Conscious-Vignetten bestehen, von denen Kurt selbst sagt, dass sie sich für ihn richtig anfühlen müssen - aber keineswegs Sinn machen. Die Folge dieser Vorgehensweise - bei der es dann ja konzeptbedingt fast vollständig auf Wiederholungen (etwa bei Refrains) verzichtet - ist der Umstand, dass diese Texte dann das Ausmaß von Romanen annehmen können. Insofern ist Kurt also gut beraten, seine Texte als Zettelsammlung vor sich aufzubauen. Selbst wenn er - wie üblich - oft mit geschlossenen Augen singt, rettet so ein kurzer Blick so manche Situation. Als Kurt beim Vortrag dann herumkramte, um die richtigen Zettel finden zu können, scherzte Pianist Tony Crow: "Wir spielen also jetzt einen Song, den Kurt geschrieben hat, während wir das letzte Stück spielten." Natürlich war das nicht der Fall - aber es fällt schon auf, dass Lambchop-Shows mittlerweile - und trotz aller musikalischen Freiheiten, die sich Kurt & Co. nehmen - zu den wortreichsten ihrer Art gehören.

Worum ging es aber dieses Mal? Nun, nachdem sich Kurt auf der Tour zum letzten Album "Flotus" noch sehr zurückgehalten hatte (etwa indem er darauf verzichtet hatte, Gitarre zu spielen und die Band auf ein Kernquartett eingedampft hatte), gab es dieses Mal wieder ein volles Besteck: Neben Kurt, Tony Crow, Andy Stack und Bassist Matt Swanson war auch wieder Paul Niehaus mit dabei und zusätzlich Matt McCaughan (u.a. Bon Iver), mit dem zusammen Kurt die neue Scheibe "This (Is What I Wanted To Tell You)" produziert hatte, als Drummer und Kabelmeister eines mörderischen elektronischen Soundmoduls aus dem Wunderwaffen-Repertoire. Die Show bestand dabei aus zwei Sets: Im ersten Teil wurde die neue Scheibe "in toto" gegeben. Hier zeigte sich dann auch das integrative Konzept, das Kurt und Matt McCaughan sich für die Scheibe überlegt hatten: Die verschiedenen Klangfarben der Instrumente wurden im inspirierten, improvisatorischen Miteinander zu einer im Großen und Ganzen jazzigen, organischen Melange verquickt, die jeden Anflug von Monotonie oder Langeweile im Ansatz unterdrückte. Kurt spielte auch wieder Gitarre - und zwar im Vergleich zu früher sogar recht energisch -, konzentrierte sich aber vornehmlich darauf, seine Vocals mit einem Zauberkästchen aus dem Wunderwaffen-Arsenal zu tweaken. Schön war dann auch zu beobachten, wie sich Andy Stack und Tony Crow da lautmalerisch jazzig ergänzten, wie Paul Niehaus aus seiner Pedal-Steel-Gitarre sphärische Klangflächen entlockte und wie sich die beiden Matts als Rhythmusgruppe bei flotteren Nummern wie z.B. "Everything For You" auf funkige Weise in Drum'n'Bass-Experimenten übten. Das war alles sehr schön rund, enorm spannend und konzeptionell sinnstiftend - aber dennoch eigentlich nur eine Art unterhaltsames Vorspiel für das furiose Soundgewitter des zweiten Teils der Show, in dem dann "ältere Lambchop Hits" zum Tragen kamen.

Die Sache begann nämlich mit einer genialen Idee: Während Kurt mit seinen Frontrow-Musikern kurz die Bühne verließ, verblieben Andy und Matt McCaughan und konstruierten einen lebendig blubbernden - nun ja nicht gerade elektromagnetischen, aber immerhin doch elektronischen - Puls, der für die nächsten zwanzig Minuten die Basis bilden sollte, aus der die inzwischen zurückgekehrte Band einige ältere Titel wie z.B. "The Hustle" herausschälte. Bemerkenswerterweise erinnerte die Sache in ihrer fusionhaften Verspieltheit - dank Tony Crows Einsatz als E-Pianist - dabei an das, was Eumir Deodato in den 70er Jahren mit "Also sprach Zarathustra" und ähnlichen Projekten losgetreten hatte. Danach fiel dann die Anspannung von den Musikern ab und Kurt und Tony Crow ergingen sich in der üblichen Köln-Lobhudelei. "City Of Love" nannte Crow die Domstadt dieses Mal etwa und versuchte das Publikum davon zu überzeugen, dass Lambchop seit nunmehr 25 Jahren wirklich gerne nach Köln kämen. Danach konnte es dann entspannt weiter gehen - bis die Show schließlich in einer großartigen, leicht ausufernden aber mitreißenden Version des alten Lambchop-Gassenhauers "Up With People" - aber wie gewohnt ohne Zugabe - endete. Auch mit dieser Produktion bewiesen Kurt Wagner & Co. dass sie als Musiker mühelos ganz am Puls der Zeit agieren können - und das dann sogar im wörtlichen Sinne.

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Surfempfehlung:
www.thisiswhatiwantedtotellyou.com
www.facebook.com/lambchopisaband
www.youtube.com/watch?v=DQMNeFnuyMU
www.youtube.com/watch?v=u8NxdNERUGc
cityslang.com/artists/lambchop
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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