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Konzert-Bericht
 
It's just Jazz

Alice Phoebe Lou
Olmo Mathilda

Aachen, Musikbunker
23.04.2019

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Alice Phoebe Lou
Es läuft bei Alice Phoebe Lou. Auch der Auftritt im Aachener Musikbunker lief eher unter der Rubrik "pickepackevoll" - obwohl das Konzert im Vorfeld gar nicht als ausverkauft gekennzeichnet war. Kein Wunder eigentlich, denn wer die Karriere der zierlichen südafrikanischen Wahlberlinerin verfolgt hat, dem dürfte sicherlich aufgefallen sein, dass sie insbesondere bei ihren Live-Konzerten ihre ganz spezielle Alice im Wunderland-Magie entfaltet. Und zwar in dem Sinne, wie das im Prinzip auch als Straßenmusikerin und Recording Artist tut: Nämlich indem sie auf ureigene Weise alle stilistischen Erwartungshaltungen oder Kategorisierungsbemühungen unterläuft und alles sehr viel lauter und lebhafter als auf Konserve präsentiert. Nachdem sie bereits in der Vergangenheit immer wieder mit innovativen Soundkonzepten und ständig wechselnden Präsentations-Ideen zu überzeugen wusste, trat sie dieses Mal mit ihrer international besetzten, aktuellen Band inkl. des israelischen Keyboarders Ziv Yamin, des italienischen Saxophonisten/Flötisten Paolo Guolo, Bassist Dekel Adin und Drummer Julian Berann an, um dem Ganzen neue Aspekte abzugewinnen.
Leider gehört der Aachener Musikbunker zu jener Kategorie von Clubs, bei denen man eine Ausleuchtung der Bühne für überflüssig hält, sodass der Italiener Olmo Mathilda, der Alice schon des Öfteren als Support-Act unterstützt hatte und in dieser Funktion mit einem kurzen Solo-Set den Abend erneut eröffnete, zunächst mal nur für Leute mit Infrarot-Augen zu sehen war, als er links auf der Bühne hinter einem Keyboard-Set Platz nahm. Dass Francesco Lo Giudice - wie der junge Mann mit vollem Namen heißt - eine besondere Art von schrägem Humor hat, hat er verschiedentlich schon demonstriert. Bei seinem Set in Aachen jedoch trieb er die Sache in philosophischer Hinsicht auf die Spitze. Nachdem er nämlich am Keyboard seine Affinität zu Torch-Song-Jazz und mit der Gitarre jene zu angeschrägtem Songwriter-Pop demonstriert hatte, griff er zum Sampler, um eines seiner Grundprobleme in den Griff zu bekommen: Da er für gewöhnlich immer einige Zeit zu spät komme, wolle er nun ein Stück aufführen, das ständig langsamer werden würde (bis es schließlich sogar rückwärts liefe), um so doch noch vielleicht rechtzeitig kommen zu können. Die Idee dieser musikalischen Zeitmaschine war natürlich amüsant: Ein Mantra zum Thema auf diese Weise eine Sekunde am Tag einsparen zu wollen, wurde in mehreren Schichten a cappella aufgebaut, wobei jeder Durchgang etwas langsamer eingespielt wurde, was Olmo durch angeglichene Tonhöhen gesanglich auszugleichen versuchte. Natürlich funktionierte das nur bedingt. Mit dieser Idee muss Olmo also noch mal zurück ans Zeichenbrett. Kein Wunder, dass der Mann zwei unterschiedliche Socken trug.
Worum es Alice Phoebe Lou auf der aktuellen Tour ging, machte sie unmissverständlich deutlich: Sie wollte die Songs ihrer aktuellen LP "Paper Castles" vortragen und warnte auch gleich davor, dass sie von diesem Plan nicht abzuweichen gedenke - auch wenn die Fans vielleicht lieber bekanntere ältere Songs hören wollten - da sie sich als Musikerin schließlich lieber weiterentwickeln wolle, als Erwartungshaltungen zu bedienen. Nun ist das so, dass Alice Phoebe Lou noch nie Erwartungshaltungen bedient hat - und insofern dürfte das Publikum keine Probleme mit dieser Einstellung gehabt haben. Ein Titel wie das eingangs gespielte "Nostalgia" ist daher eher mit Vorsicht aus der Distanz zu betrachten. Die Titel des neuen Albums hatte Alice mit ihren Musikern zusammen live im Studio erarbeitet und eingespielt - auch um den Live-Charakter das Materials zu betonen. Bereits in der Vergangenheit hatte Alice demonstriert, dass sie von der Reproduktion von Studio-Aufnahmen auf der Bühne nichts hält - und so überraschte es dann nur eingeschränkt, dass das neue Material auch wieder deutlich druckvoller, lauter, schneller und lebendiger dargeboten wurde, als die im Vergleich sogar regelrecht skizzenhaften aufbereiteten Studio-Tracks. Vielleicht sollte Alice das nächste Mal mit neuem Material auf Tour gehen, bevor sie es im Studio einspielt? Nur mal so ein Gedanke.

Ein weiterer interessanter Aspekt der Live-Präsentation war dann der Umstand, dass insbesondere die balladeskeren Songs deutlich jazziger rüberkamen, als auf der Scheibe - was nicht zuletzt an den entsprechenden Beiträgen Paolos am Saxophon, Zivs am Keyboard und nicht zuletzt Alices Phrasierungen lag. Insbesondere die Cover-Version "Want Me" des britischen Jazz-Sängers Puma Blue kam dabei als klassischer Torch-Song daher - inklusive eines im besten Sinne käsigen Saxophon-Solos. Im Anschluss setzte sich Alice alleine ans Piano, um den Song "Drive By" von ihrer semi-offiziellen Solo-LP "Sola" - die es auf Spotify und anderen digitalen Kanälen nicht geben wird - zu spielen. Hier gab es dann ein paar schräge Töne, für die sie sich im Anschluss entschuldigte - weil es halt nun mal angsteinflößend sei, alleine am Piano zu spielen. "Ist doch nur Jazz", rief ihr jemand aus dem Publikum zu, was sie dann auch dankend schmunzelnd annahm. Auch mit dem Song "Finbos", in dem sich Alice mit Erinnerungen an die südafrikanische Heimat beschäftigt. zeigte sie sich noch von ihrer nachdenklichen, melancholischen Seite. Der Rest der Show ging jedoch in eine ganz andere Richtung. Bei Tracks wie "Skin Crawl", "She" oder "Galaxies" - die ja durchaus nicht als Rocksongs angelegt sind - wurden dann alle performerischen Register gezogen (inklusive Ausdruckstanz und improvisierten Passagen) und das Gaspedal zuweilen erstaunlich weit durchgetreten. Man will ja nicht übertreiben - aber bei der regelrecht funkigen Jam-Session gegen Ende der Show, in der die Musiker vorgestellt wurden und mit Soli glänzen durften - kam schon eine gewisse Isaac Hayes-Stimmung auf. Kein Wunder also, dass Alice Phoebe Lou-Shows - so auch diese - stets betont abwechslungsreich, dynamisch und lebhaft rüberkommen.

Früher vertrat Alice Phoebe Lou auf der Bühne alle möglichen philosophischen und politischen Anliegen - vom Umweltschutz über das Tierrecht bis hin zu spirituellen Überlegungen. Auf dem im Vergleich persönlicher ausgefallenen "Paper Castles" und natürlich auch auf dieser Tour beleuchtete Alice allerdings vorzugsweise ihre Stellung als Frau - auf der Bühne, im Musikbiz und allgemein im Leben - und damit stellvertretend natürlich auch die aller anwesenden Frauen überhaupt. Dass sie sich da beredt und intensiv mit Themen wie Date-Rape, Dick-Pics, Stalker oder der MeToo-Debatte beschäftigt, ist ja durchaus nachzuvollziehen, soll in der Aussage und Relevanz auch nicht gemindert werden und wurde ja auch eifrig beklatscht. Freilich hat es Alice eigentlich gar nicht nötig, ihre Musik immer wieder ausschließlich auf die politische Botschaft zu reduzieren, denn diese funktioniert ja - ohne politische Agenda und eigentlich auch geschlechtsneutral - auch auf der rein musikalischen Ebene recht gut.

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Surfempfehlung:
www.alicephoebelou.com
www.facebook.com/alicephoebeloumusic
www.facebook.com/musicofolmo
www.youtube.com/watch?v=nDxHWFInYFo
www.youtube.com/watch?v=KvYEsfVZxnI
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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