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Anna St. Louis

Schorndorf, Eclat/ Köln, Die Wohngemeinschaft
24.04.2019/ 29.04.2019

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Anna St. Louis
Auf "If Only There Was A River", ihrem feinen Debütalbum, widmet sich Anna St. Louis einem Sound, der traditionell, aber nie nostalgisch ist. Auch wenn die ganz großen Melancholiker unter den Singer/Songwritern der 60er-Jahre spürbar ein Quell der Inspiration für die inzwischen in Los Angeles heimische 32-jährige Musikerin sind, gelingt es ihr dabei doch, mit reduzierten, aber keinesfalls spartanischen Arrangements eine Verbindung ins Hier und Jetzt zu knüpfen. Auf ihrer stolz von Gaesteliste.de präsentierten ersten Deutschland-Tournee dagegen geht es noch eine Nummer kleiner, ja, ursprünglicher: Allein Stimme und Akustikgitarre reichen St. Louis dabei, um zu faszinieren. So auch bei ihrem Auftritt in Schorndorf im kulturaffinen Restaurant Éclat.
Anna St. Louis
Das Éclat liegt inmitten der pittoresken Altstadt von Schorndorf, die sich gerade im Zuge der Remstal Gartenschau noch einmal ganz besonders herausgeputzt hat, und ist dabei nur einen Scheinwerfer davon entfernt, der ideale Auftrittsort für Anna St. Louis' Abstecher nach Baden-Württemberg zu sein. Ähnlich wie in der Musik des amerikanischen Gastes trifft hier Altes auf Neues, Zeitgeist auf Vintage-Charme. Eigentlich ist sogar geplant, das Konzert draußen auf einem zur Bühne umfunktionierten Pferdewagen (!) stattfinden zu lassen, doch als leider pünktlich um 20.00 Uhr der Regen einsetzt, wird die Show kurzerhand nach drinnen verlegt, wo die weiß getünchte Backsteinwand, die als Backdrop dient, einen Hauch von 60er-Jahre New Yorker Coffeehouse versprüht.

Vor einem gebannt zuhörenden Publikum taucht St. Louis für intensive 45 Minuten in einen See aus melancholischer Schönheit ein. Konzentriert und ernsthaft ist ihr Auftreten, nur bei einigen knappen Ansagen blitzt die fröhliche Unbeschwertheit auf, mit der sie sich vor und nach dem Konzert in Gespräche mit den Besuchern vertieft. Ihre mit ausdrucksstarker Stimme und solidem Fingerpicking vorgetragenen Lieder haben in diesem Setting oft etwas Meditatives, ja bisweilen geradezu Hypnotisches, wenn sie mit der gleichen Klarheit, die schon auf ihren Platten begeisterte, von Landschaften und Flüssen, spirituellen Sehnsüchten und gebrochenen Herzen singt und den emotionalen Inhalt ihrer warmtönenden Lieder in diesem minimalistischen Gewand noch mehr in den Mittelpunkt rückt.

Das zeigt sich besonders bei den Rückgriffen auf ihren zunächst nur als Kassette erschienenen, just als Mini-LP wiederveröffentlichten Erstling "First Songs", in denen die Trostlosigkeit eines Townes Van Zandt deutlicher widerhallt als in den neueren Stücken, mit denen sie in puncto Melodieführung und Intonation bisweilen das Terrain ihres Freundes und Förderers Kevin Morby streift, der ihr aktuelles Album co-produzierte und auf seinem Label Mare Records auch veröffentlichte.

Anna St. Louis
Anders als bei anderen Konzerten der Tournee, bei denen sich St. Louis ganz auf ihre eigenen Songs konzentriert und eine Zugabe gefehlt hat, gibt es in Schorndorf nicht nur einen Nachschlag, sondern auch zwei spontan ins Sets gerutschte Coverversionen, als sie erst mit "Loretta" den Hut vor Townes Van Zandt zieht und sich am Ende, ganz nach Art des Verfassers Bob Dylan, "You Ain't Going Nowhere" so zu Eigen macht, dass einige im Raum das Lied gar nicht auf Anhieb erkennen.

Die sagenhafte Gelassenheit, das betont unaufdringliche Selbstbewusstsein, das dabei in jedem Ton spürbar wird, sind die Markenzeichen einer bemerkenswerten Künstlerin, von der wir ohne jeden Zweifel noch viel hören werden.

In der Kölner Wohngemeinschaft kam Anna St. Louis dann zu einem versöhnlichen Abschluss der von Gaesteliste.de präsentierten Tour - nachdem es zunächst so ausgesehen hatte, dass nur wenige Hardcore Fans das Konzert besuchen wollten. Dass es am Ende dann doch einige mehr waren, mag auch daran gelegen haben, dass Annas Support in Köln - Sophia Spies a.k.a. Faira - auch einige Fans mitgebracht hatte. Faira steht normalerweise mit ihrer Band auf der Bühne (die weitestgehend aus Geschwistern besteht) und spielt dann auch E-Gitarre und Bass. Für dieses Set musste sie sich zurück in die mittlerweile ungewohnte Rolle der akustischen Solo-Künstlerin begeben, mit der sie ihre Laufbahn als Musikerin begonnen hatte. Folk in jenem klassischen Sinne, wie Anna ihn vertritt, ist das, was Faira macht, allerdings nicht. Denn die studierte Modedesignerin konstruiert ihre komplexen, und harmonisch anspruchsvollen Songs eher im Sinn von Indie-Künstlerinnen denn als klassische Songwriterin. Dabei gelingen ihr bemerkenswert abenteuerlustige und wagemutige Kompositionen, die tatsächlich durch ihre einnehmende Melodieführung und äußerst ungewöhnliche Akkordfolgen überzeugen. Bei einem zurückliegenden Auftritt erschien ihr zuweilen am Rande des Möglichen entlang lavierender, intensiver Gesangsstil noch als technisches Unvermögen. Bei diesem Auftritt wurde allerdings deutlich, dass die kleinen Haken und Ösen im Vortrag eher der Inbrunst, Hingabe und dem vollen Risiko geschuldet sind, mit denen sich Faira in den Vortrag stürzt. Gerade arbeitet die junge Dame an einer neuen LP. Das richtige Produktionsverständnis vorausgesetzt könnte da etwas ganz großes draus werden. Anna und Sophia kannten sich vor der Show noch nicht - am Ende lagen sie sich in den Armen. Es scheint, als habe Faira hier neue Fans gewonnen.

Anna St. Louis absolvierte auch in Köln ihr Programm mit der gleichen Ruhe, Gelassenheit und Souveränität, die sie auch schon in Schorndorf demonstriert hatte. Sie spielte sogar fast das selbe Programm - inklusive des Townes Van Zandt-Covers "Loretta", aber minus Bob Dylan. Nur: Das spielt keine Rolle, denn Anna St. Louis gehört zu jener Sorte von Performerinnen, die auch mit einer Vertonung des Telefonbuches oder einer Speisekarte noch Pluspunkte sammeln könnte. Dabei beeindruckt vor allen Dingen ihre klare Gesangsstimme und die stoische Art, mit der sie ihre unterschwellig durchaus subtil humorvollen Texte ganz im Stile klassischer Western-Balladen und Blues-Dramen intoniert und mit einem ganz eigenen Timbre Leben einhaucht. Kaum zu glauben: Aber bevor sie vor einigen Jahren anfing, eigene Songs zu schreiben, hatte Anna St. Louis zuvor noch nie gesungen. Musikalisch interessant war auch die Art, mit der sie insbesondere die auf ihren Veröffentlichungen aufwendiger arrangierten Stücke im Solo-Vortrag mit großer Klarheit auf das wesentliche reduzierte und ins klassische Folksetting transferierte. Ein gutes Beispiel dafür war etwa ihr erster Song "Mercy", den sie vom elektrischen, psychedelischen Kraut-Space-Drone, wie er auf "First Songs" zu finden ist, zum unerbittlichen Folk-Blues-Spiritual machte. Zu den nicht so offensichtlichen Inspirationsquellen Annas gehört Willie Nelson, dessen Sinn für Geradlinigkeit und Simplizität sie sehr schätzt. Jetzt wissen wir auch, warum (obwohl sie selbst bescheiden mag, dass der Umstand, dass ihre Songs so simpel sind, eher daran läge, dass sie gerade erst anfinge, sich als Songwriterin zu versuchen). Als Performerin überzeugte Anna wie in Schorndorf auch wieder mit ihrer heiteren Gelassenheit - wirkte dabei aber zugleich auch sympathisch schüchtern und nahbar; obwohl es mit Sicherheit nicht ihre Art ist, sich dem Publikum mit lockeren Sprüchen anzubiedern. Stattdessen lässt sie fast ausschließlich ihre Musik für sich sprechen. Kurzum: Für diejenigen, die sich für so etwas interessieren dürfte Anna St. Louis zur Zeit die erste Adressen in Sachen zeitgemäßer Folk-Emulationen und Artverwandtem sein. Auch wenn die meisten das noch gar nicht wissen dürften.

NACHGEHAKT BEI: ANNA ST. LOUIS

Nach dem Konzert in Schorndorf ergab sich spontan noch die Chance zu einem kurzen Gespräch zwischen einer Cocktail-gestärkten Künstlerin und einem etwas schläfrigen Schreiberling...

GL.de: Anna, du hast dich über die Jahre in verschiedenen Genres versucht, was hat dich zum reduzierten Singer/Songwritertum geführt?

Anna: Das waren einfach die Umstände. Als ich keine Leute fand, mit denen ich spielen konnte, fragte ich mich, was ich allein auf die Beine stellen könnte. Als ich dann begann, Songs allein zu schreiben, überlegte ich mir, was die Songs ausfüllen könnte, wenn sie niemand außer mir spielt. Das führte mich zum Fingerpicking, denn es war mir wichtig, dass die Lieder Rhythmus und Bewegung haben, auch wenn ich nur mich selbst hatte, um sie zu spielen.

GL.de: Auf deinem Album "If Only There Was A River" gibt es gleich mehrere Songs, die von den Elementen im Besonderen und von der Natur im Allgemeinen inspiriert wurden. Wie kam es dazu?

Anna: Das war nichts, auf das ich es angelegt hätte. Das hat sich auf natürliche Weise entwickelt. Ich bewege mich gerne in der Natur, und wenn ich ganz still werde, dann kommen die Songs von ganz allein zu mir. Das ist vermutlich der Grund, dass sich diese Bildsprache eingeschlichen hat. Abgesehen davon mag ich schlichte Songtitel wie eben "Water". Ich benenne die Songs nach dem wichtigsten Symbol des Liedes.

GL.de: Bedeutet das gerade Gesagte auch, dass du lieber darauf wartest, bis dich die Inspiration ereilt, oder setzt du dich auch manchmal mit der Gitarre hin und betrachtest Songwriting dann eher als Aufgabe?

Anna: Ich mache beides. Ich mag das Disziplinierte daran, sich einfach mit einer Gitarre hinzusetzen und herauszufinden, ob sich etwas ergibt.

GL.de: Funktioniert diese Herangehensweise denn für dich?

Anna: An manchen Tagen schon (lacht)! Ich finde, es ist wichtig, es zu versuchen, gleichzeitig bin ich niemand, der die Dinge erzwingen will, denn ich weiß, dass das Hinsetzen mit der Gitarre nicht unbedingt das ist, was dich für die Inspiration öffnet. Es kann auch ein Spaziergang sein, auf dem dich eine Eingebung trifft. Es ist schon wichtig, sich Freiräume zu schaffen, die das ermöglichen, aber man muss dabei nicht unbedingt die Gitarre in Händen halten.

GL.de: In einigen Songs deines Albums gibt es Momente, die ein wenig an Kevin Morby erinnern. Liegt das nur daran, dass ihr die Platte zusammen produziert habt, oder ist der Grund vielmehr eure gemeinsame Herkunft aus dem Mittelwesten der USA, aus Kansas?

Anna: Ich denke, es ist beides! Kevin und ich kennen uns, seit wir Teenager waren, deshalb teilen wir eine Menge Einflüsse und haben über die Jahre die gleiche Musik gehört. Allerdings mag ich die Musik, die er macht, wirklich sehr, und weil er ein enger Freund ist, fühle mich auch von den Sachen angezogen, die er macht. Deshalb hat sein Tun sicherlich auf mich abgefärbt. Ich denke, unsere Zusammenarbeit hat auch so toll funktioniert, eben weil wir eine gemeinsame Herkunft, einen gemeinsamen Hintergrund haben.

GL.de: Bedeutet das, dass die Soloauftritte nur aus der Not heraus geboren sind und du lieber auch auf der Bühne mit anderen kollaborieren würdest, wenn das Budget dafür da wäre?

Anna: Wenn Geld keine Rolle spielen würde, hätte ich sicherlich einige Musiker mit dabei. Allerdings liebe ich es auch, solo aufzutreten. Meine ersten Konzerte habe ich so bestritten, und es ist schon eine große Sache, ganz allein zu sein und die eigenen Lieder zu spielen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich diese Erfahrung machen durfte und dass es funktioniert. Die Soloauftritte sind auch toll, weil sie mir ermöglichen, kleine Shows wie diese hier heute zu absolvieren, und weil das Ganze so flexibel ist, dass es zum Beispiel auch kein Problem war, das Konzert in letzter Sekunde nach drinnen zu verlegen. Noch schöner ist es aber, mit anderen zusammen zu spielen. Mir gefällt die Vorstellung, alle Optionen zu haben, selbst wenn ich mit anderen spiele. Manchmal spiele ich mit Keyboards oder manchmal mit Geige. Ich mag es, dass die Musik die passende Form für den Ort annehmen kann, an dem sie gespielt wird.

GL.de: Letzte Frage: Viele Musiker lieben es, live zu spielen, können sich aber nur schwer mit dem ständigen Unterwegssein arrangieren. Kann du das Herumreisen noch genießen?

Anna: Ja, das kann ich, wenngleich selbst eine Tournee wie diese natürlich nicht mit einem Urlaub vergleichbar ist, in dem man faulenzen, durch die Straßen laufen und ein echtes Gefühl für die Stadt bekommen kann. Ich bin in der glücklichen Situation, dass für mich die Reiserei noch ganz neu ist, deshalb sehe ich das alles noch mit großen Augen. Viele meiner Freunde sagen, dass die erste Tour ein großer Spaß ist, nach einer Handvoll Konzertreisen fühlt es sich dann allerdings eher wie eine Pflichtaufgabe an. Auch wenn ich mich wegen des Jetlags in der ersten Tourwoche ziemlich seltsam gefühlt habe und mich gefragt habe, wie die anderen das alles hinkriegen: Für den Moment finde ich alles noch wahnsinnig spannend. Ich fühle mich wie in einer anderen Welt. Das ist ein Riesenspaß!



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Interview: -Carsten Wohlfeld-
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