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Wenn der Zeitgeist zweimal klingelt

Cherry Glazerr
Prada Meinhoff

Köln, Blue Shell
16.04.2019

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Cherry Glazerr
Manchmal muss man einfach etwas nachhelfen: Cherry Glazerr haben verstanden, dass man seinen Erfolg in Zeiten einer sich immer schneller wandelnden Musikindustrie nicht allein mehr Talent und Zufall überlassen darf. Seitdem das Trio aus Los Angeles dem Garagen-Rock seiner ersten Platten entsagt hat und sich im Spannungsfeld von 90s Alternative Rock und Grunge mit einem Draht zum Punk neu aufgestellt hat, darf man zwar bisweilen das Gefühl haben, dass die Amerikaner etwas zu genau wissen, was sie da tun. Doch das war dem jugendlichen Publikum, das in Köln für ein ausverkauftes Blue Shell sorgte, herzlich egal. Noch offensichtlicher als die Headliner verwirklicht der Berliner Supportact Prada Meinhoff ein Erfolgskonzept, das eher in einer Werbeagentur denn im Proberaum erdacht scheint, und sorgt so dafür, dass an diesem Abend der Zeitgeist gleich zweimal klingelt.
Stress, Koma, Krieg, Express, Dilemma - wenn es alleine um die Songtitel oder das Thema der aktuellen Prada Meinhoff-Tour geht, dann wird recht schnell deutlich, dass Chrissie Nichols und René Riewer nicht zu der Spezies von Musikern gehören, die in der Entspannung ihr Heil suchen. Auch bei der Support-Show für Cherry Glazerr stand demzufolge eher die Hyperaktivität des dynamischen "Elektropunk-Duos" im Mittelpunkt. Das heißt: Elektro-Punk ist da vielleicht gar nicht die richte Bezeichnung, denn außer ein paar Loops vom Keypad, die der Power-Bassist René da abrief, war die Show des Duos eine ziemlich organische und körpebetonte Angelegenheit. Sowohl Chrissie wie auch René gaben in Sachen Ausdruckstanz jedenfalls alles. Mal abgesehen davon, dass es die beiden mit ihrer aufgesetzten Agitation, den verquasten Agit-Prop-Inhalten und den übersteigerten Verrenkungskünsten dann doch ein wenig übertreiben (und so den Eindruck erwecken, dass sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Musik nicht wirklich ernst nähmen), passte das polternde Gedröhn zumindest energietechnisch ganz gut zu dem, was Cherry Glazerr im Folgenden noch veranstalten sollten. Unterhaltsam und kurzweilig war es zudem - auch wenn sich da vielleicht keine erleuchtenden musikalischen Universen offenbarten; denn dazu stecken Prada Meinhoff einfach zu sehr in der seligen Neuen Deutschen Welle fest (was allerdings dem vorwiegend jugendlichen Publikum kaum aufgefallen sein dürfte).
Im Anschluss an Prada Meinhoff hatten Cherry Glazerr leichtes Spiel. Grund dafür war nicht zuletzt, dass ihre Frontfrau Clementine Creevy ein gottverdammter Rockstar ist. Inzwischen erblondet und an anderer Stelle bereits sehr treffend als "instagramable as hell" beschrieben, sorgte die gerade einmal 22 Jahre alte Sängerin und Gitarristin im Stile einer Cherie Currie (könnt ihr googeln, liebe Kids!) für so viel Alarm auf der Bühne, dass im Handumdrehen der ganze Saal elektrisiert war. Dass sie sich anders als auf dem in bester Riot-Grrrl-Tradition politisch aufgeladenen Vorgänger "Apocalipstick" auf der aktuellen LP "Stuffed & Ready" eher der Innenschau widmet und ihre eigenen Unsicherheiten in Grunge-Hymnen für diese chaotischen Zeiten verwandelt, war da genauso schnell vergessen wie das Fehlen des vor wenigen Wochen ausgestiegenen Bassisten Devin O'Brien, der von einer nicht näher vorgestellten Dame ersetzt wurde.

Daheim in den Staaten wird Creevy bereits als "neue feministische Punkikone" gefeiert, in Köln dagegen präsentierte sie sich eher als Musikerin denn als Sprachrohr. Ohne nennenswerte Ansagen - und leider aufgrund technischer Probleme an diesem Abend auch ohne Videobackdrop - konzentrierten sich Cherry Glazerr ganz auf ihre patentierte Mischung aus Spaß und Energie und stürzten sich mit sichtbarer Freude am eigenen Tun kopfüber in eine ausgelassene Performance, die bisweilen haarscharf an der Parodie vorbeischrammte, aber nie umkippte. Eine echte Punktlandung also, die nur selten Atempausen (etwa bei den Frühwerken "Grilled Cheese" und "Teenage Girl") zuließ und bei der Zugabe mit dem punkig entkernten LCD-Soundsystem-Cover "Time To Get Away" und - natürlich! - mit dem (un)heimlichen Hit "I Told You I'd Be With The Boys" ihren Höhepunkt fand.

Puristen mögen bemäkeln, dass der Sound von Cherry Glazerr mit der Zeit beliebiger geworden ist, allerdings empfiehlt sich die Band genau dadurch für Größeres: Wo für andere Acts die Welt an der Kellerclub-Tür endet, sind Creevy und die Ihren nun gewappnet für die großen Bühnen. Denn auch wenn ihr Gesang in Köln trotz gleich zwei Mikros zumeist vom wuchtigen Bandsound verschluckt wurde, ist nach diesem Auftritt sicher: Von dieser Band werden wir noch sehr viel hören!

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Surfempfehlung:
cherry-glazerr.com
www.facebook.com/CherryGlazerr
www.prada-meinhoff.de
www.facebook.com/pradameinhoff
Text: -Carsten Wohlfeld / Ullrich Maurer-
Foto: -Carsten Wohlfeld / Ullrich Maurer-

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