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So ein Theater

Anna Calvi

Köln, Gloria
21.01.2019

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Anna Calvi
Lange war es eher ruhig um Anna Calvi gewesen - aber angesichts dessen, wie sich die nach wie vor angesagte Indie-Queen bei ihrem ausverkauften Konzert im Kölner Gloria präsentierte, war das dann auch irgendwie erklärlich, denn die Gute hatte sich einem nicht nur dem auf der aktuellen LP "Hunter" bereits eindrucksvoll demonstrierten musikalischen, sondern auch einem stilistischen und konzeptionellen Makeover unterzogen.
Beispielsweise auch in der Art, wie die ganze Veranstaltung aufgebaut war. Zunächst mal hatte sich Anna Calvi dafür entschieden, ohne Support-Act aufzutreten. Statt eines Anheizer-Acts gab es auf jeder Station lokale DJs (im Falle von Köln DJ Blues), die das Publikum schon während des Einlasses und letztlich dann fast anderthalb Stunden entsprechend beschallten. Dann überraschte ein stadienmäßiger Bühnenaufbau - indem nämlich ein Catwalk, wie er ansonsten vielleicht bei angesagten Mega-Stadien-Acts angesagt ist, weit ins Auditorium hineinreichte, während ansonsten die Basis-Stationen ihres Drummers Alex Thomas und der langjährigen Begleiterin Mally Harpaz in einer Reihe am eigentlichen Bühnenrand aufgebaut waren. Anna selbst - die sich ja durchaus in der Fashion-Welt etabliert hat - trat dann mit einer überwältigenden Big-Hair-Frisur, entsprechend expressiven Make-Up und dramatischen Gesten vor ihr Publikum. Und dann war da noch die überwältigende Lichtinstallation, mit der die Bühne während des Konzertes im Zusammenspiel mit erstaunlich effektiven Kunstnebelwänden dramatisch ausgeleuchtet wurde (und die dem Lichttechniker mindestens so viel Virtuosität abverlangte, wie den Musikern).

Das Ganze bot dann einen faszinierenden Kontrast zu den ersten Konzerten, die Anna Calvi als Solo-Künstlerin vor ca. acht Jahren absolvierte. Denn während sie sich damals als fast bewegungsunfähige performerische Salzsäule präsentierte, unterliegt die neue Show einer ausgeklügelten Dramaturgie, mit der sich Anna Calvi eher als exaltierte Voodoo-Queen präsentierte und das Publikum nahezu beschwörend in ihren Bann zog. Das ging sogar so weit, dass sie sich dazu hinreißen ließ, beim zentralen Stück der Show - einer ausufernden, hart rockenden Version des Tracks "Wish" - das Publikum nicht nur zum "Mitsingen" zu animieren, sondern sogar einzelne Personen im Auditorium am Bühnenrand kniend direkt anzumachen - bevor sie sich daran machte, das Ganze mit einem ihrer exaltierten Gitarrensoli zu krönen (die selbst Robert Fripp in dieser Art nicht besser hinbekommen würde).

Angesichts dessen, was Anna Calvi in letzter Zeit über ihre Social Media-Kanäle verbreitet hatte, kam das vielleicht nicht ganz unerwartet, war aber in dieser konsequenten Form dennoch sehr überraschend. Aber das hatte sich irgendwie schon länger angebahnt. Während Anna Calvi - abgesehen von EP-Projekten und Auftragsarbeiten - seit 2013 zwar keine eigene LP mehr veröffentlicht hatte, war sie währenddessen aber ja keineswegs untätig geblieben. Neben der Covers-EP "Strange Weather" und Soundtrack-Beiträgen arbeitete sie etwa mit Jherek Bischoff und Amanda Palmer zusammen an der Bowie-Hommage "Strung Out In Heaven". Sie arbeitete des Weiteren mit dem Heritage Orchestra und beteiligte sich an dem Gil Scott-Heron Projekt "Pieces Of A Man", mit dem dem legendären Jazz-Poeten gehuldigt wurde. Am prägendsten für diese Phase war aber vielleicht ihre Beteiligung an dem Theaterprojekt "Der Sandmann" - einer Adaption der E.T.A. Hoffmann-Novelle unter der Regie von Robert Wilson -, zu dem sie einige Songs schrieb (während Jherek Bischoff den eigentlichen Score beisteuerte). Es war dann wohl auch die Beteiligung an dieser "Rock-Oper", die ihr Ideen für die theatralische Darbietung der Jetztzeit vermittelt haben mochte - obwohl die Musik aus dieser Produktion im Folgenden eigentlich keine Rolle für ihr aktuelles Programm spielte.

Dieses bestand nämlich eigentlich fast vollständig aus den Tracks des neuen Albums "Hunter" und einigen Verweisen auf die Historie (etwa dem atmosphärisch entzerrten "Desire" und dem Suicide-Cover "Ghost Rider" im Zugabenteil) - was aber auch Sinn machte, denn die neuen Tracks kommen doch mit einer ganz anderen Dynamik daher, als jene der Anfangstage. Annas charakteristisches Gitarrenspiel etwa (das sich nach wie vor zuweilen anhört wie Probleme mit dem Keilriemen oder den Bremsbelägen beim Auto) wird heutzutage deutlich akzentuierter eingesetzt - und nicht mehr zum omnipräsenten Selbstzweck wie damals. Ein besonderes Highlight der Show kam allerdings aus einer ganz anderen Richtung. "Das nächste Stück ist eine Premiere", wandte sich Anna im Mittelteil der Show ein einziges Mal eher schüchtern direkt an das Publikum, und kündigte damit das Stück "Eden" an, das sie zuvor noch nie live aufgeführt habe. Es folgte dann überraschenderweise eine zurückhaltende Solo-Version des auf der LP durchaus voll arrangierten Stückes - womit Anna deutlich machte, dass sie durchaus auch musikalische Streicheleinheit verteilen kann, auch wenn sie ansonsten gerne die volle Dröhnung als Gitarristin und Vokalistin (bis hin zum Szenenapplaus bei "Don't Beat The Girl Out Of My Boy") bietet. Letztlich machte das alles Sinn und bot auch für jene Fans, die vielleicht befürchtet hatten, dass die fast poppige Produktion des Albums sich zu mäßigend auf die Live-Präsentation ausgewirkt haben könnte, viel Lohnenswertes. Lediglich die Idee, das Programm mit annähernd zwei Stunden Konservenmusik einzuleiten (nach dem DJ-Set gab es noch einige Endlos-Instrumentals vom Band - etwa "Negativland" von der Krautrock-Legende Neu!), erwies sich dann doch als eher nervenzehrende, zähe Angelegenheit.

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Surfempfehlung:
annacalvi.com
www.facebook.com/annacalvi
www.youtube.com/watch?v=Aopr7X3Appg
www.youtube.com/watch?v=rJ-CtToFsWM
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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