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Konzert-Bericht
 
Asthma, Clown & Sax

Laura Jean
Strange Boy/ Bill Jefferson

London, Sebright Arms
13.11.2018

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Laura Jean
"Das Saxophon ist das, womit für mich musikalisch alles begann", erklärte die Australierin Laura Jean, als sie sich bei ihrem ersten Londoner Headliner-Gig daran machte, ihr widerspenstiges Saxophon zu stimmen, "und es wird wohl auch mein Ende sein..." In unseren Breiten wird Laura Jean in Kürze als Support für ihre Landsfrau Courtney Barnett auf den Brettern stehen, die die Welt bedeuten, um ihre aktuelle LP "Devotion" vorzustellen - da kamen ein paar Solo-Auftritte in England zum Aufwärmen wohl gerade recht.
Und wie sich dann zeigte, waren diese wohl auch nötig. Die Sache ist nämlich die: Während sich Laura Jean ihr letztes, selbstbetiteltes Album noch von John Parish auf den Leib schneidern ließ und auf diesem - neben Parish - noch zusammen mit der Avantgardistin Jenny Hval auf organischem Wege ihr Glück versuchte, hatte sie mit "Devotion" nun eine betont intime, auf sich selbst bezogene, elektronisch ausgelegte, melancholisch/nachdenkliche Dreampop-Scheibe fabriziert. Diese ist wunderhübsch anzuhören und bietet einige der bemerkenswertesten autotherapeutischen Kitchen-Sink-Drama-Texte der Jetztzeit - aber sie erscheint vollkommen ungeeignet, im Kontakt mit dem Publikum live vorgetragen zu werden; insbesondere auch deswegen, weil sich Laura Jean auf der musikalischen Ebene - obwohl durchaus zugänglich - gegenüber jedweder Mitsing-Ästhetik verweigert. Wenn überhaupt, so erscheint dieses Album für den nokturnalen Soloflug unter Ausschluss der Öffentlichkeit am Besten geeignet. Und dieser Eindruck bestätigte sich dann gnadenlos bei dem Konzert in dem kleinen Londoner Kellerclub. Die Idee, den Vortrag mit diversen Saxophon-Soli anzureichern, war dabei Lauras einzige Konzession an den Live-Charakter des Events, denn ansonsten kamen alle Backingtracks von der Harddisk. Zu diesen spielte Laura dann ein wenig Keyboard und sang dann eben auch noch. Immerhin waren die Tracks aber nicht einfach 1:1 von den Studioversionen abgeleitet, sondern boten Raum für Improvisatorische Akzente (eben mit dem Saxophon). Trotz des überschaubaren Setups passte da am Ende aber nicht viel zusammen. Denn Laura gelang es nicht so recht, das Saxophon 100%ig auf die unerbittlichen elektronischen Sounds einzupeilen. "Diese organischen Instrumente muss man sehr vorsichtig behandeln", erklärte sie entschuldigend, "denn ansonsten sträuben sie sich. Ich glaube, mein Saxophon ist mir böse, dass ich es als Underground-Gepäck deklariert habe." Das war aber nicht die einzige Unstimmigkeit, denn auch was die Vocals betraf, hatte Laura Jean da allergrößte Schwierigkeiten, die angepeilte Tonlage zu treffen. Mag sein, dass das an Problemen mit den Monitoren lag - oder an dem Kunstnebel, der eigentlich die Bühne in ein angenehmes psychedelisches Zwielicht tauchte. "Eigentlich bin ich ja ziemlich asthmatisch", erklärte Laura während des Vortrages, "deswegen sollten wir mal mit dem Kunstnebel sparsamer umgehen - auch wenn das nicht besonders Rock'n'Roll ist. Ich schätze aber durchaus den Mystizismus des Settings..." Und dann waren da noch für außenstehende unerklärliche Lachanfälle, die Laura bei einigen ihrer Tracks plagten - insbesondere dann, wenn sie (wie bei "Girls On The TV") in den Falsettgesang wechselte. "Eigentlich bin ich ja auch mehr ein Clown als eine Musikerin", entschuldigte sie das dann - auch wenn sich das auf ihren sehr speziellen Humor bezog und nicht auf den Gesang. Insgesamt hörte sich die Sache am Ende also ganz schön schräg an - und das ausgerechnet bei Tracks, die in der Studioversion gerade durch die Harmonien zu gefallen wissen. Hinzu kam auch noch, dass sich Laura Jean ausschließlich auf die Stücke von der neuen Scheibe konzentrierte, so dass kein Vergleich mit früheren Elaboraten möglich war. Nun ja: Schreiben wir das mal als offene Probe ab. Es kann im Folgenden eigentlich nur besser werden.
Auf der Habenseite des Abends stand dann allerdings noch ein Crashkurs in Sachen Stand der elektronischen Popmusik per se. Denn gleich zwei Support-Acts stimmten das Publikum auf Lauras Auftritt ein. Bill Jefferson stammt ursprünglich aus Cornwall, wo er ursprünglich mit seiner Folk-Punk-Band Crowns reüssierte, bevor er dann nach London zog, wo er sich heutzutage am E-Pop-Genre versucht. Zwar verzichtete auch Bill Jefferson auf Live-Musiker und sang zu getriggerten Backing-Tracks mit Minimal-Keyboard-Anteil - aber er hatte zumindest die Idee, sich eine Harmoniesängerin als Verstärkung mitzubringen, was seinen angenehm temperierten und geschickt strukturierten Popsongs einen charmanten Mehrwert verlieh. Das Ganze kam im angenehm aktualisierten 90er Retro-Design und mit selbstbewusst großer Geste akzentuiert daher.

Ein ganz anderes Setting hatten sich Kieran Brunt und Matt Huxley a.k.a. Strange Boy ausgesucht. Sie arbeiteten mit eher spröden, aber dramatisch aufgebohrten Songstrukturen, die man in dieser Form aus den 80er Jahren von Acts wie Ultravox gewohnt war. Popmusik im klassischen Sinne ist das nicht direkt. Es geht eher um das theatralische Ausloten von Atmosphären und Stimmungen - gerne auch mal mit dynamischen Akzenten verziert, aber etwa ohne durchgehenden Club-Beat. Ganz im Gegenteil: In ihrem Material scheinen Brunt und Huxley eher die Lücke als die Konsequenz zu suchen und zu finden. Beim letzten Track kam dann auch noch eine Geige zum Einsatz - aber hier zeigte sich dann wieder die Wankelmütigkeit der organischen Instrumente, denn - wie später auch bei Laura Jean - saß da längst nicht jeder Ton dort, wo er eigentlich hingehört hätte.

Fazit: Der Performance-Faktor stand an diesem Abend gewiss nicht im Zentrum der Betrachtung der anwesenden Musikanten - und für einen Showcase des brillanten Songmaterials war die Sache dann doch etwas zu wackelig konstruiert. Vielleicht hätte sich statt dieser offenen Probe also vorher dann besser eine nicht öffentliche angeboten?

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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