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Alles wieder auf Anfang?

Giant Sand
Patsy's Rats

Oberhausen, Druckluft
30.05.2018

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Giant Sand
Manchmal ist es gar nicht so leicht, die guten Sachen einfach loszulassen. Eigentlich hatte Howe Gelb das Kapitel Giant Sand vor einigen Jahren nach mehr als drei Jahrzehnten geschlossen, doch nun gibt es den Rücktritt vom Rücktritt. In wenigen Wochen veröffentlicht die seit jeher an der Schnittstelle von Rock und Alt. Country operierende Band aus Tucson, Arizona, eine Neueinspielung ihres 1985er-Debütalbums "Valley Of Rain", doch bereits zuvor werden auf einer stolz von Gaesteliste.de präsentierten Tournee die oft radikalen Neuinterpretationen auf ihre Bühnentauglichkeit abgeklopft. In Oberhausen, das sei vorweggenommen, erlebt ein hellauf begeistertes Publikum die alten Haudegen von ihrer enthusiastischsten Seite.
Zunächst allerdings gehört die Bühne der nächsten Generation: Patsy's Rats ist die Band von Gelbs ältester Tochter Indiosa Patsy Jean, und die Verwandtschaft kann man auch hören. Denn auch wenn die Songs, die sie gemeinsam mit ihrem Partner Christian Blunda (Mean Jeans) fabriziert, stärker dem klassischen 70er-Jahre-Power-Pop zugetan sind als alles, was ihr alter Herr über die Jahre angefasst hat, steckt trotz eines Faibles für zuckerige Melodien doch auch genug krachige Freigeistigkeit in den Liedern, um sie eindeutig als Produkt aus dem Hause Gelb zu kennzeichnen. Anteil daran hat an diesem Abend auch die kurzerhand bei Daddy ausgeliehene, gewissermaßen fachfremd agierende Rhythmusgruppe, denn die beiden Giant Sand-Gitarristen Gabriel Sullivan (am Schlagzeug) und die unglaublicherweise auch auf der Bühne Rollerskates tragende Annie Dolan (am Bass) sorgen mit dafür, dass selbst die eingängigsten Songs nie beliebig oder vorhersagbar klingen.

Giant Sand begeben sich danach auf Zeitreise, ohne dass deshalb Platz für wehmütige Gefühle wäre. Als vor mehr als 30 Jahren ihre erste LP in Los Angeles entstand, waren Gelb und die Seinen als die schrägen Cousins von Green On Red noch fest im Paisley Underground verhaftet, doch davon ist im gut gefüllten Druckluft an diesem Abend genauso wenig zu spüren wie vom längst zum Band-Markenzeichen gewordenen Wüstenrock-Sound, den Gelb inzwischen seit Jahrzehnten auf jeder neuen Platte in neuen Facetten auffächert. Stattdessen gelingt es dem alten Schlitzohr mit 62 Jahren tatsächlich, die Uhren zurückzudrehen und auf der Bühne mit massig punkigem Verve und ohne Angst vor falschen Tönen eine fast schon naiv anmutende Spielfreude an den Tag zu legen, die eigentlich blutjungen Debütanten vorbehalten ist: Ganz offensichtlich haben er und seine Mitstreiter einen Heidenspaß daran, den alten Liedern mit unglaublich viel Wucht und - anders als zuletzt - ausschließlich in Standardbesetzung (Gitarren, Bass und Schlagzeug) ganz neue Seiten abzugewinnen und selbst die auf der Original-LP eher verhaltenden Nummern wie "Barrio" und "Artists" wild und laut als die Rocksongs zu inszenieren, die Lieder wie "Tumble And Tear", "Down On Town" oder "October Anywhere" schon damals waren. Die einzige Atempause zur Hälfte des Konzerts, Gelbs eigenständige/eigenwillige Version von Hank Williams' "I'm So Lonesome I Could Cry", stammt indes nicht von "Valley Of Rain" - aber was wäre ein Giant Sand-Konzert ohne Schrullen?

Die Setlist mag auf die frühesten Tage Giant Sands konzentriert sein, die Band an diesem Abend ist dagegen gewissermaßen ein Mehrgenerationenprojekt: Am Schlagzeug sitzt wie schon vor 30 Jahren Energiebündel Winston Watson, Bassist Thoger Lund ist seit 2003 Gelbs ständiger Anker in der Post-Calexico-Phase, und Gabriel Sullivan und Newcomerin Annie Dolan an den Gitarren sind die jungen Wilden, die laut, rau und ohne Scheu vor Rockismen - gerade Sullivan scheint sich manchmal für einen Platz bei Guns N' Roses bewerben zu wollen - mit unbändiger Freude am eigenen Tun alle nostalgischen Gefühle einfach wegblasen. Die Freistil-Zugabe wird dann noch zu einer richtigen Familienangelegenheit, denn für die letzten beiden Songs - "Texting Feist" und "Hurtin' Habit" - bittet Gelb als Backingsängerinnen nicht nur Töchterchen Patsy auf die Bühne, sondern auch deren jüngere Halbschwester Tallulah, die ansonsten als Merchgirl für überdurchschnittliche Umsetze gesorgt hat. Dass die Band dabei etwas über die Stränge schlägt und die Stücke in einem akustischen Tsunami unterzugehen drohen, ist da gar nicht weiter schlimm, denn diese Tournee mag anfangs als letzte Ehrenrunde gedacht gewesen sein, das mitreißende Gastspiel im Druckluft fühlt sich allerdings eher so an wie "Alles wieder auf Anfang".

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Surfempfehlung:
www.howegelb.com
www.facebook.com/giantgiantsand
www.sa-wa-ro.com
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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