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Konzert-Bericht
 
"So muss sich Bob Dylan gefühlt haben"

Haley Heynderickx

Brüssel, Ancienne Belgique - AB Salon
20.05.2018

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Haley Heynderickx
Für Haley Heynderickx hat der Ernst des Lebens begonnen, zumindest als Musikerin. Waren ihre bisherigen Europa-Tourneen für die sympathische amerikanische Singer/Songwriterin stets ein Privileg, ist das Unterwegssein seit der Veröffentlichung ihres feinen Debütalbums "I Need To Start A Garden" im März nun unabdingbar Teil ihrer Jobbeschreibung. In den letzten acht Wochen war sie deshalb (erstmals überhaupt) kreuz und quer in den USA unterwegs, während sich in Brüssel eine kurze Europatournee dem Ende zuneigt (weitere Trips über den Atlantik werden im Sommer und im November/Dezember noch folgen). Doch auch wenn man Haley abseits der Bühne die mentale und körperliche Müdigkeit schnell anmerkt - nach dem Konzert in Brüssel freut sie sich mit dem restlos begeisterten Publikum über einen der schönsten (und besten) Auftritte ihrer aktuellen Tournee.
Der kleine Saal auf der Rückseite des Ancienne Belgique bietet Haley Heynderickx an diesem Abend eine ideale Bühne - gerade weil es die gar nicht gibt. Wegen des unerwartet großen Andrangs - Haley selbst hatte nach eigener Aussage bei ihrem Debüt in Belgien mit fünf Zuschauern gerechnet, am Ende reichen die 50 bereitgestellten Stühle gerade einmal für die Hälfte der Besucher - sitzt das Publikum der Künstlerin im wahrsten Sinne des Wortes zu Füßen und schafft damit genau die intime Atmosphäre, in der Haley so richtig aufblüht. Allerdings sind es längst nicht nur die Umstände, die ihren Auftritt so bemerkenswert machen, sondern vor allem auch ihre bisher in diesem Ausmaß nicht gekannte stoische Ruhe und humorvolle Lockerheit, mit der sie während und zwischen den Songs begeistert. Sogar eine kostenlose Übernachtungsmöglichkeit in ihrer Gaststadt organisiert sie sich mal eben während des Konzerts, als gäbe es nichts Normaleres. Ohne dass ihre ungewohnt ausführlichen Ansagen wie auswendig gelernt klingen, findet Haley stets den richtigen Ton und lässt ihr Publikum mit entwaffnender Ehrlichkeit, aber doch pointenreich an den Geschichten ihrer Songs (und aus ihrem Leben) teilhaben. Da verzeihen ihr die Zuschauer gerne, dass ihre halbakustische Gitarre ein paar schnarrende Geräusche an den falschen Stellen macht - "Die werden von Ryan Air gesponsert", sagt Haley etwas angefressen und doch mit einem Lächeln.

Neben allen Highlights ihres Albums - nur ihren heimlichen Ohrwurm "Oom Sha La La" mag sie nicht spielen - sind an diesem Abend auch einige brandneue Stücke im Programm, die Haleys rasanten Reifungsprozess unterstreichen. Hatte sie zuvor am liebsten von Insekten oder Gartenarbeit gesungen, spielen nun die Menschen aus ihrem Leben die Hauptrolle: "Ayon's Kitchen" entzückt mit dezentem Nick-Drake-Vibe und ist ihrer Mitbewohnerin gewidmet ("Sie mochte die Musik, aber den Text kennt sie noch nicht", scherzt sie), und "Slow Walking" handelt davon, dass sich in den letzten Wochen gleich zwei frühere Partner Haleys verlobt haben. "Ich habe zuerst gedacht, das sei ein Fluch, aber letztendlich habe ich ihnen geholfen!", erklärt sie mit einem Augenzwinkern und unterstreicht damit ihr Talent, gewöhnliche Situationen aus unvermuteten Perspektiven zu betrachten. Der unerwartete Höhepunkt des Liedes ist derweil ein Fast-Niesen, das Haley putzig überspielt. Selbst schlagfertig ist sie inzwischen: Als ihr auf Nachfrage gleich drei Packungen Papiertaschentücher für ihre allergiegeplagte Nase aus dem Publikum angereicht werden, könnte ihr Kommentar trockener nicht sein: "So muss sich Bob Dylan gefühlt haben, als er damals nach einer Mundharmonika gefragt hat!", sagt sie lachend in Anlehnung an Dylans berühmten Ausspruch beim Newport Folk Festival.

Doch auch musikalisch ist Haleys Auftritt einmal mehr hinreißend. Bei "Untitled God Song" gleich zu Beginn klingt sie mit Bottleneck und Bigsby, als habe sie schon seit Jahrzehnten den Blues, und mit feinen Coverversionen von Jackson C. Franks "Blues Run The Game" und Townes Van Zandts "Rex's Blues" verweist sie nicht nur auf ihre Einflüsse, sondern beweist auch einmal mehr ihr immenses instrumentales Können als Fingerpicking-Folkie. Der Andrang am Merch-Tisch nach dem Konzert lässt deshalb erst nach, als Haley auch die wirklich allerletzte LP verkauft hat, aber auch sonst fühlt sich diese Belgien-Premiere an wie der Beginn einer großen Liebe.

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Surfempfehlung:
www.haley-heynderickx.com
facebook.com/haleyhannahheynderickx
haleyheynderickx.bandcamp.com
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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