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Hope & Anchor

Orange Blossom Special 22 - 2. Teil

Beverungen, Glitterhouse-Garten
19.05.2018

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Scott Matthew
Der zweite Festivaltag begann mit zwei alten Bekannten - auch wenn es sich um ein neues Projekt handelt. Hinter dem Namen Ida Mae verbergen sich nämlich Chris Turpin und Stephanie Jean, die 2015 mit ihrer damaligen Band Kill It Kid eine der beeindruckendsten Rock-Shows auf der OBS-Bühne überhaupt hingelegt hatten. Kill It Kid musste allerdings aus verschiedenen Gründen aufgelöst werden, wie Chris & Stephanie (die zwischenzeitlich auch geheiratet haben) berichteten. Einer dieser Gründe war der Umstand, dass Kill It Kid immer lauter und rockiger geworden waren - und das ist nicht die Musik, mit der sich insbesondere Chris Turpin zu identifizieren sucht. Stattdessen beschlossen er und Stephanie, die Sache wieder auf ihre Basis zurückzuführen und sich verstärkt jener Musik zu widmen, derentwegen man überhaupt beschlossen hatte, gemeinsam zu musizieren - und das ist der klassische, akustische Blues.
Der Name des Projektes etwa - Ida Mae - ist auf den Songtitel jenes Stückes von Sonny Terry zurückzuführen, das man weiland als erstes gemeinsam einstudierte. Ergo präsentierten Ida Mae auf dem OBS im Grunde genommen ein klassisches Folk- und Blues Set (angereichert mit Coverversionen von z.B. Neil Young und Woody Guthrie), mit dem sie ihre Vorlieben in verschiedenen Klangfarben auslebten. Einen interessanten Touch bekommt die Sache übrigens dadurch, dass die beiden Engländer ihre eigenen Erlebnisse mit einer zuweilen regelrecht romantischen Note in ihr Material einfließen lassen. Denn - so Chris - es gehe nicht darum, die Altvorderen zu emulieren oder zu kopieren, sondern die eigene Identität in dem Material zum Ausdruck zu bringen, ohne sich anmaßen zu wollen, dem Erfahrungsschatz der originären Blues-Künstler etwas gleichwertiges entgegen zu setzen zu haben. Diese Übersicht und Demut dem Medium gegenüber überträgt sich auf das Publikum durch eine absolut glaubwürdige, mitreißende Performance, die auch entsprechend goutiert wurde. Obwohl Chris und Stephanie ja als OBS-Veteranen durchgehen, waren sie übrigens dennoch erstaunt, wie aufmerksam das Publikum zur für Festivalgänger nachtschlafenden Zeit am späten Vormittag den Vortrag verfolgte. Wie auch alle anderen Musiker, die an diesem Tage auftraten, fanden sich Chris & Stephanie nach ihrer Show zum Meet & Greet am Stand des Road Tracks Musikmagazins ein - einer Einrichtung, die sich somit langsam als unverzichtbarer Zusatznutzen für OBS-Besucher etabliert hat.

Mit ihrem unkonventionellen Konzept haben sich Maria de Val und Roland Scandella alias Me + Marie seit einigen Jahren nicht nur in ihrer Schweizer Heimat in die Herzen all jener Indie-Fans gespielt, denen es nicht reicht, wenn jemand "wie" klingt. Prinzipiell treten Me + Marie als "Duo plus" auf. Getragen wird das Ganze natürlich von Marias und Rolands Wechselgesang und dem Drive des bestens aufeinander eingespielten Drums/Gitarre-Setup. Für Gelegenheiten wie diese ergänzt sich das Duo dann noch um Gastmusiker (in dem Fall Bassist und Keyboarder) - und klingt dann auch wie eine propere Band. Rockig, aber auch einfühlsam und in dem Fall auch betont variantenreich arbeiten sich Maria und Roland durch ein Programm, das sich jeder Kategorisierung eigentlich entzieht: Ist das Rock? Ist das Powerpop? Ist das Indie? Ist das Avantgarde? Die Antwort muss eigentlich "Ja" heißen - und beschreibt dann immer noch nicht die Magie, die sich aus einem intensiven Me + Marie-Auftritt wie dem hier gezeigten erschließt. Mag allerdings sein, dass diese Magie von der Chemie des Pärchens gespeist wird, das im Folgenden händchenhaltend und Küsschen-spendend über das Festivalgelände mäanderte und die eine oder andere Show der Kollegen begutachtete.

Was dann folgte, war einer dieser klassischen OBS-Aha-Momente. Die Neu-Berlinerin Laura Carbone, die mit ihrer Band gerade von einer Kanada-Tour zurückgekehrt war, bietet mit ihrem Sound, der mit Spielarten aller möglichen Indie-Strömungen und liebevollen Referenzen an verschiedene ikonische Phasen der Musikhistorie durchsetzt ist, aber dennoch eine coole eigene Note besitzt, nämlich auch etwas für Leute, die gerne mal etwas Konkreteres hören möchten - ohne dabei gleich mit der Rock-Keule erschlagen zu werden. Obwohl Laura mit Titeln wie "Heavy Heavy" schon mal programmatisch vorlegt, bot ihr Set nämlich erstaunlich viele Nuancen und Zwischentönen. Nicht nur beinahe poppige Tracks wie "Lullaby" von der kommenden zweiten Scheibe "Empty Sea", den Laura als "einzigen romantischen Titel" ihres Programmes bezeichnete, sorgten für Variationen zwischen härteren Nummern wie "Crisis" oder eher tranceartigen Drones wie dem Titeltrack des Albums. Außerdem legte Laura mit ihrem effektiv durchgestylten Noir-Outfit definitiv den coolsten Auftritt des Festivals hin. Auch wenn man Musik wie diese jetzt jetzt nicht unbedingt bei strahlendem Sonnenschein hätte einsortieren müssen.

Die Frage, warum sich die fünf jugendlichen Helden aus dem kleinen Ort Horst in den Niederlanden jetzt nun ausgerechnet den Namen Afterpartees gegeben haben, blieb auch nach dem Auftritt des Quintetts weitestgehend unbeantwortet - denn wenn Sjors Driessen und seine Jungs eines können, dann ist das Partee machen! Nennen wir es Power Pop, nennen wir es Pop Punk oder nennen wir es Schrammel-Pop - ganz egal: Von der ersten bis zur letzten gaben die Jungs Vollgas und zogen dabei alle Register der klassischen Rock’n'Roll-Performance - inklusive Ausflug ins Publikum und international tragfähiger Stadien-Gesten. Freilich war die Konsequenz, mit der die Jungs da wirklich jeden einzelnen Song zum Hi-Energy-Spektakel aufdröselten, dann auch ein wenig beängstigend - und anstrengend.

Wie man Energie auch etwas abwechslungsreicher und dennoch mitreißend auf die Bretter, die die Welt bedeuten, bringen kann zeigten im Folgenden Lara Chedraouis und ihre Jungs von den Intergalactic Lovers aus Brüssel. Hier geht es um stilistisch eigentlich ungebundenen, aber stets energiehaltigen Indie-New-Wave-Pop, dessen Basis indes nicht ausschließlich Gaspedal und musikalisches Fitnessstudio sind, sondern vor allen Dingen gute Songs, knackige Grooves und vielseitige Arrangements. Außerdem machten die Intergalactic mit ihrer lockeren Art und der zur Schau getragenen Begeisterung für ihr eigenes Tun auf ihre Weise durchaus auch Party. Und nicht zuletzt bandelten die Musikanten auf eine herzige Art mit den Fans, die das wollten an. Und das menschelt dann ja auch ganz nett.

Mit dem Anbandeln auf herzige Art kennt sich ja auch der mehrfache OBS-Veteran Scott Matthew aus. Mit seiner linkischen Art, seiner offen zur Schau getragenen Nervosität, den rosa Socken, der eklektischen Auswahl von Coverversionen, seinen neuen Songs mit politischem Unterton, seinem nach wie vor gespaltenen Verhältnis zu rhythmischer Ordung und dem scheinbar angeborenen Mutterwitz begeisterte Matthew auch in diesem Jahr wieder auf seine ganz eigene - und im Vergleich zu seinen Kollegen - auch ganz andere Art. "Seelen streicheln" nannte das Rembert im Festival Flyer treffend. Dazu gehörte dann auch, dass Matthew das Glitterhouse Label als das beste der Welt bezeichnete und mit schönen Anekdötchen lobte wie z.B.: "Schaut mal, was die mir hier für ein schönes Weinglas besorgt haben. Meghan Markle ist also nicht die einzige, die sich heute wie eine Prinzessin fühlen darf."

Die Giant Rooks sind ein klassisches OBS-Phänomen. Im Grunde genommen wurde Rooks-Frontie Frederik Rabe ja sozusagen auf der Bühne des OBS geboren. Und diese Geschichte geht so: Als er im jugendlichen Alter auf einem OBS mal eine Snare-Drum gewann und dann fallen ließ, dass er selber ja auch Trommler sei, bekam er den Spruch zu hören: Na wer weiß, vielleicht spielst du ja auch mal auf dieser Bühne. Heute, wo es dann tatsächlich soweit war (nachdem die Giant Rooks im Vorjahr auf der kleinen Bühne ja bereits ihren gefeierten Einstand absolviert hatten), hatte er aber leider gerade die damals gewonnene Snare-Drum vergessen. Nicht dass das musikalisch von Belang gewesen wäre. Die Giant Rooks absolvierten ein mitreißendes Set mit brillanten Songs vor einem entsprechend begeisterten Publikum, das seltsamerweise plötzlich ausschließlich aus artig kreischenden jungen Damen zu bestehen schien. Ganz en passant zeigten die Giant Rooks wie man mit lauwarmen Wasser eine heiße Suppe kochen kann, wenn man nur ein gutes Rezept hat. Denn das, was die Jungs da auf der Bühne veranstalten (mit Stehtrommeln, coolen Disco-Grooves und originellen Rockstar-Gesten), könnte im Prinzip ja jeder andere auch machen - nur dass die Jungs halt auf diese Ideen gekommen sind und eben nicht jeder andere. Es sollte vielleicht noch erwähnt werden, dass im Folgenden der Road Tracks Stand beim Ansturm der zahlreichen Fans fast endgültig zusammen brach.

Wohlweislich war Sophia-Mastermind Robin Proper-Sheppard ja bereits am Nachmittag zum Meet & Greet aufgeschlagen und konnte sich nun darauf konzentrieren, zusammen mit seiner verjüngten Band, seiner chronischen Melancholie ungewohnt druckvoll und raumgreifend Ausdruck verleihen. Für Robins Verhältnisse extrem konkret, krachend und gut beleuchtet verlieh er seiner geschickt zusammengestellten Setliste aus verschiedenen Sophia-Phasen auf der OBS-Bühne eine ungewohnte Körperlichkeit. Jedenfalls hatte man den Sophia-Sound in einer solch monumentalen Ausprägung noch nicht ein Mal auf dem zweiten Teil der Tour zum letzten Album "As We Make Our Way" zu hören bekommen. Anreichert mit einigen schnoddrigen Ansagen, in denen von gewalttätigen Beverunger Großmüttern die Rede war (und der Aussage "Remember: Robin loves you") ging die Band dergestalt konzentriert zu Werke, dass am Ende auch noch Raum für eine Zugabe in Form einer verkürzten Version des ansonsten auch schon mal gerne episch ausufernden "River Songs" als abschließendem auralen Monolith blieb. Gehen zwei Eskimos nach Hause. Meint der eine zum anderen: "Sag mal, wo ist denn eigentlich dein Iglu?" Meint der andere "Scheiße, ich habe das Bügeleisen angelassen."

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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