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Bitches Brew

Dream Wife
Albert Luxus

Köln, Blue Shell
15.03.2018

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Dream Wife
Was dereinst als Witz begann (namentlich als Art-School-Fake-Band-Projekt), ist nun bitterer Ernst geworden. Denn um was es Rakel Mjöll und ihren Mitstreiterinnen Alice Go und Bella Podpadec auch bei ihrem Kölner Headliner-Debüt ging, wurde schon daran deutlich, dass am Merch-Table (der ansonsten logischerweise nur die soeben erschienene Debüt-CD des Trios mit assoziiertem Drummer enthielt) überall unübersehbar die T-Shirts mit dem Tourmotto "Support Your Local Bad Bitch" prangten.
Nachdem es also von vorneherein zu erahnen war, dass es einzig um das Feiern der Bitches im Publikum gehen sollte, war die Wahl des Support Acts - der Kölner Band Albert Luxus - dann schon ein wenig rätselhaft. Denn obwohl die Herren, die nach einer kreativen Pause von sechs Jahren einen Neuanfang mit deutschen Texten wagen wollen (nachdem sie vorher in Englisch produzierten), ohne politische Agenda antraten, verströmte ihr zuweilen ambitioniert konstruierter New Wave-Pop in musikalischer Hinsicht dann doch zu viel Testosteron, als das das wirklich dem Anlass angemessen erschienen wäre. Denn zum einen kommen die Lyrics von Matthias Sänger logischerweise mit einer rein maskulinen Sichtweise daher, und zum anderen kommen die zuweilen dann doch recht verkopft aufgebauten Tracks tatsächlich auch musikalisch eher als Jungens-Musik rüber. Gleichwohl: Handwerklich war das alles tadellos sortiert und wurde auch druckvoll dargeboten - und das passte dann auch wieder zu dem, was im Folgenden passieren sollte.
Als die Damen von Dream Wife nach einer längeren Umbaupause die Bühne betraten, ging es dann auch gleich in die Vollen. Schon nach dem ersten Track stellte Rakel den Mikrofon-Ständer in die Ecke und widmete sich mit liebevoller Hingabe und spöttischer Verachtung der Publikumsanimation. Übrigens richtig gelesen: Rakel Mjöll schafft es, das Zuckerbrot-Peitschen-Prinzip mühelos mit laszivem "Let's Make Out"-Anmach-Blick auf der einen Seite und "Fuck You Up"-Stinkefinger auf der anderen - teilweise gleichzeitig - in dialektischer Form in ihrer Performance zum Ausdruck zu bringen. Musikalisch beackern die Damen und ihr Drummer ein Gebiet irgendwo zwischen Punk, Postpunk und Power Pop. Mit dieser Art von Musik ging es gleich nach der ersten Punk Phase in den 80ern los, ging dann in den 90ern im Riot Grrrl-Setting auf und es hat sich in Variationen eigentlich auch bis heute prächtig gehalten. Nur dass Bands, die sich in dieser stilistischen Gemengelage bewegen, heutzutage technisch einfach besser drauf sind, als ihre Kolleginnen in der Vergangenheit das waren und das man sowas heutzutage auch schon mal Post-Punk nennt. Auch wenn es - wie in diesem Fall - hauptsächlich um das Party-Machen geht. Auch wenn die Damen sicherlich noch nicht zu den größten Songwriterinnen ihrer Zunft gehören mögen, bot das vergleichsweise kurze Set dann doch genügend musikalische Variationen und auch spielfreudige Eskapaden, um durchweg unterhaltsam zu erscheinen. Nicht zuletzt, weil sich alle drei Protagonistinnen mit einer unglaublichen Intensität ihren Aufgaben widmeten. Richtige Coverversionen gab es zwar nicht im Set, aber mit einer angedeuteten Blondie-Hommage ("One Way Or Another") und einer spontanen Spice Girls-Improvisation im Zusammenhang mit der eigenen Nummer "FUU" zeigten Dream Wife zumindest ansatzweise, wo sie ihre Inspirationsquellen sehen.

So weit so gut: Da ging dann also die Post ab wie bei UPS und obwohl Rakel Mjöll ja ehrlich gesagt lediglich Slogans in die Gegend posaunt, gab es aufgrund knackiger Refrains sogar ein paar Mitsing/-schrei/-gröl/-quiek-Momente, die aber bei allen Assoziationen zu Kinderliedern trotzdem niemals niedlich wurden. Denn da war die Politik vor: "Wir sind jetzt an einem besonderen Punkt in unserer Show angekommen", unterbrach Rakel das Programm im Mittelteil des Sets. Sie freue sich, dass so viele Bad Bitches im Publikum seien, führte sie im folgenden aus, denn es ginge nun darum, den Bad-Bitch-Song schlechthin - "Somebody" - anzustimmen, in dem es schlicht und ergreifend um die Dinge gehen, die alle Bad Bitches Tag für Tag ausgesetzt seien. (Die Kernbotschaft dieser Women's Lib-Hymne lautet nämlich "I am not my body - I am somebody".) Dafür sei es allerdings notwendig, dass alle Männer im Publikum nach hinten zu treten haben und alle Bad Bitches aufgerufen wurden, sich vor der Bühne zum Mosh-Pit zu formieren. Nachdem diese Aktion dann etwas aufwendiger und zögerlich umgesetzt werden musste (im Blue Shell war es nämlich ziemlich voll), erzählte sie noch davon, dass am Abend zuvor beinahe die Security helfen musste, diese Aktion umzusetzen. Nach einigem Hin und Her gelang das Ganze dann aber doch. Direkt vor der Bühne hatten sich dann jene Bad Bitches versammelt, die sich auch optisch an ihre Idole angenähert hatten, während sich die normalen Bitches dann eher zögerlich darum herum gruppierten. Dann brach das Pandämonium aus. Indem sich Rakel dann nämlich endgültig vom Monitor ins Auditorium stürzte und sich so eine zünftig wogende, moshende Bitches Brew vor der Bühne etablierte (was in diesem Club durchaus selten passiert), aus der heraus dann nur noch vereinzelte Schlagworte a la "I Spy With My Little Eye Bad Bitches / Dream Wife For Life" zu vernehmen waren. Die Band auf der Bühne ging derweil in den Overdrive - aber sogar das war noch steigerungsfähig, als Rakel zum letzten Song ausgewählte Bad Bitches aus dem Auditorium auf die Bühne zerrte und dort herzte. Eine Zugabe gab es dafür nicht. "Leute - wir haben gerade mal eine CD herausgebracht", erklärte Rakel, "wir haben schlicht keine Songs mehr." Nicht übrigens, das das gestört hätte, denn so, wie diese Party momentan gestaltet ist, wäre mehr nicht unbedingt mehr, denn etwas anstrengend ist dieser Mix aus Punk-Party und Agit-Prop dann schon. Freilich: Da steckt noch jede Menge Potential drin. Wenn Dream Wife mal lernen, richtige Songs zu schreiben und vielleicht auch mal das Energielevel variieren (von Balladen möchte man da ja gar nicht träumen), dann könnte aus dem ehemaligen Fake-Band-Projekt durchaus auch langfristig etwas werden. Alt werden kann man mit einer solchen Musik natürlich nicht wirklich - aber das ist ja wohl auch nicht das Ziel.

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Surfempfehlung:
dreamwife.co
www.facebook.com/dreamwifedream
facebook.com/Luxusuxus
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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Mehr über Dream Wife:
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Mehr über Albert Luxus:
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