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Konzert-Bericht
 
Freakshow Divine

Nerina Pallot
Million Miles

London, Hoxton Hall
15.11.2017

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Nerina Pallot
Zugegeben: Eine richtige Freakshow wäre das Konzert von Nerina Pallot, das diese am 15.11.17 in der altehrwürdigen Hoxton Hall im Londoner Norden spielte, nur dann geworden, wenn sie das Showgirl-Kostüm angezogen hätte, das ihr vor 16 Jahren für ein - letztlich unveröffentlichtes - Video auf den Leib geschneidert worden war, das der weiland angesagte Julian Temple mit ihr an gleicher Stelle gedreht hatte und das sie seither für Halloween-Zwecke in ihrem Kleiderschrank verwahrt. So jedenfalls stellte sie das dar. Tatsächlich ist "Freakshow Divine" einfach eine dieser wunderhübschen Wortspielereien, die sich die vielleicht sogar beste lebende Textdichterin der Gegenwart für ihre Songs (in dem Fall "All Bets Are Off" - der an diesem Abend nicht gespielt wurde) einfallen lässt, um diese anschaulicher zu machen.
Das mag sich angesichts der aktuellen Scheibe "Stay Lucky" gar nicht so aufdrängen, aber gerade der Titeltrack demonstriert eindrucksvoll, was uns Nerina Pallot als Librettistin auftischt. Es geht in dem Song letztlich darum, dass Nerina ihrem schwer erkrankten Sohn am Krankenhausbett Mut für die Zukunft zuspricht. Obwohl die spezifischen Details des Songs nur für Nerina selbst von Bedeutung sein dürften, schafft sie es, das Thema durchaus so universell zu gestalten, den Song auch für andere, die sich vielleicht in ähnlichen Situationen befinden, relevant erscheinen zu lassen und ihm - trotz der melancholischen Grundstimmung - eine optimistische Note zu verpassen. Solcherlei Kunststücke erzielt Nerina immer wieder - auch in anderen Kontexten und bei einer Unmenge an Themen. Nicht, indem sie damit die hohe Kunst der Poesie bemüht, sondern weil es ihr gelingt, ihre Anliegen auf empathische Art und aus vielen verschiedenen Perspektiven mit einer zwar von ungewöhnlichen, überraschenden Bildern, Metaphern und Formulierungen durchzogenen, aber zugänglichen und alltagstauglichen Weise an den Zuhörer zu bringen. Und das ohne konventionelles Storytelling. "The Heart Is A Lonely Hunter" basiert zum Beispiel auf dem Titel des Romans von Carson McCullers, der Nerina zu Tränen gerührt habe. In "Come Back To Bed" geht es um eben das und "Man Didn't Walk On The Moon" geht es nicht um Fake-News, sondern das unbedingte Vertrauen in die Liebe - inklusive "Cartoon Heart And A Soda Stream". Das ist dann schon irgendwie die hohe Kunst der Textdichterei, die uns Nerina da anbietet.
Ähnlich ist das mit ihren intelligenten, spitzfindigen und stets amüsanten Zwischenansagen, die sie schlagfertig zwischen den Tracks im Dialog mit dem Publikum einbaut. Zum Beispiel, um das Thema des Abends zu erklären: "Wir spielen heute Abend die meisten Tracks des neuen Albums, weil ich heute die Möglichkeit habe, mit derselben Band zu spielen, mit der ich die Stücke im Studio eingespielt habe", wandte sie sich an das Publikum, "ehrlich gesagt, spielen wir sogar alle Stücke. Tut mir leid, wenn ich damit die Spannung verderbe - aber wer nach Spannung sucht, sollte sowieso vielleicht besser 'Stranger Things' gucken. Wir spielen dann auch noch ein paar handverlesene Stücke von meinen anderen Alben. Ich habe aber so viele Alben gemacht, dass wir so tun werden, als habe es einige davon gar nicht gegeben. Ich bin mir fast sicher, dass einige von euch heute deswegen eher unzufrieden nach Hause gehen werden. Nun - da wisst ihr ja zumindest, wie sich meine Ex-Freunde gefühlt haben..." So ging das eigentlich die ganze Zeit. Sprüche wie "und jetzt kommt noch so eine Ballade, auf die ihr nicht gewartet habt" wechselten sich dann mit Erklärungen ab wie "eigentlich hätte ich das nächste Stück bei meinem Gemütszustand über Nietzsche schreiben müssen - stattdessen schrieb ich es aber über Rousseau" (wohlgemerkt: Den Maler Henri Rousseau - und nicht etwa den Philosophen). "Rousseau" war dann - neben einigen Klassikern wie "Damascus" oder "Idaho" von dem beliebten "Fires"-Album und natürlich "Put Your Hands Up"; dem vielleicht beste Soulpop-Song des Jahrzehnts, eines erwähnten Stücke der anderen Alben, die Nerina hier entsprechend des Settings interpretierte. Und dieses beinhaltete dann ein Streichquartett, das dann vor allen Dingen die üppigen Arrangements von "Stay Lucky" emulierte - zusammen mit Keyboarder Steve Pringle, der die Sache mit Synthie- und Mellotron-Einlagen nach Kräften unterstützte. Das bedeutete freilich nicht, dass die Songs deshalb im starren Konserven-Korsett präsentiert wurden. Immer wieder zum Beispiel erfreuten Nerina selbst, Pringle oder der Gitarrist mit ausufernden Soli (gerne auch mal jazzig, selten rockig) und überhaupt schien die Band es darauf anzulegen, die Songs mit einem anderen Nachdruck zu präsentieren als auf der LP. Ein gutes Beispiel dafür war dann die kraftvolle Darbietung des Songs "Better". Auf der Scheibe ist dieser vielleicht ein wenig zu weich produziert - auf der Bühne hingegen hörte man deutlich, dass Nerina bei diesem Stück "Benny & The Jets" als Inspirationsquelle im Kopf gehabt hatte. Wie auch Steely Dan: Der jazzige Sophismus jener legendären Band kam mehr als ein Mal deutlich zum Vorschein - ebenso wie Nerinas Vorliege für radiosprengende Songformate, die sie als Fan des Album-Konzeptes dem bloßen Popsong vorzieht. Naturgemäß überwogen bei dieser Show dann die balladesken Momente.

Dass die Band hingegen auch Druck machen konnte, zeigten dann Songs wie "Man Didn't Walk On The Moon" oder eben "Put Your Hands Up", zu denen dann auch Bewegung ins Publikum kam. Es war halt nur so, dass das Party-Machen hier nicht im Zentrum der Betrachtungen stand. Als Performerin überzeugte Nerina Pallot vor allen Dingen gesanglich. Anders als viele ihrer Kolleginnen, die in hohen Tonlagen gerne mal schrill quietschen, gelingt es Nerina nämlich selbst in den höchsten Tönen noch mühelos jazzige und soulige Melodielinien hinzuzaubern - ohne dass sie deswegen nur im Hochtonbereich unterwegs wäre (ähnlich wie Kate Bush das auch handhabt). Nachdem das Thema "klassischer Soulpop" mit dem aktuellen Album und dieser Tour ja nun erst mal monothematisch abgearbeitet ist, wird es interessant sein zu sehen, was Nerina bei der anstehenden Frühjahrstour im nächsten Jahr uns dann bieten wird. Also falls wir dann noch leben. Das war nämlich auch so ein Thema des Abends: Nachdem 2017 ja nun irgendwie noch bescheidener ausgefallen sei als 2016, müsse man ja erstmal abwarten, was 2018 bieten werde. Kann ja sein, dass wir dann alle sterben werden. Bis dahin hülfen erst mal nur kleine rosa Getränke, wie zum Beispiel der selbst erfundene "Weezer" - eine Mischung aus Whisky und Rosé-Wein. Immerhin: Nachdem dann der Applaus nach der letzten Zugabe verklungen war, verabschiedete sich Nerina Pallot dann doch mit den Worten "and please don't die" vom Publikum. Insgesamt handelte es sich bei dieser göttlichen Freakshow um eine ziemlich perfekte Konzertinszenierung - sowohl aus der musikalischen wie auch von der unterhaltungstechnischen Warte. Dazu gehörte auch, dass sich Nerina von ihrer Freundin Sophie Delila supporten ließ, die ihr Musikprojekt Million Miles nennt. Alleine mit ihrem Wurlitzer-Piano - und in einem Fall sogar a cappella - stellte Sophie die Songs ihrer Million Miles-EP "Berry Hill" vor. Das sind jazzig/soulige Balladen zum Thema Eiscreme, Zigaretten oder Schwiegermütter, die auf gewisse Weise sogar musikalisch zum Soulpop-Thema des Abends passten. Sophie ist es übrigens auch, die die französischen Versionen von Nerinas Songs - zuletzt "Ta chance" ("Stay Lucky") textet - für Nerina Pallot-Fans also sozusagen eine unbekannte alte Bekannte...

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Surfempfehlung:
www.nerinapallot.com
www.facebook.com/NerinaPallotOfficial
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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